Alles was mich interessiert

Monat: Oktober 2023

Die Idee

Einmal in einem Motorradfahrerleben muß man am Nordkap gewesen sein. Einmal in einem Motorradfahrerleben muss man die Nordschleife langgeschrubbelt sein. Einmal in einem Motorradfahrerleben muß man das Stilfser Joch rauf- und runtergefahren sein. Einmal in einem Motorradfahrerleben muß man die „Route des Grandes Alpes“ gefahren sein. Einmal in einem Motorradfahrerleben muß man blablabla…..
Die Liste könnte noch lang werden. Mir fehlen da noch ein paar Punkte. Mir sind solche Listen eigentlich egal. An der Nordschleife war ich schon oft, hatte aber nie das Gefühl, sie auch befahren zu müssen. Am Nordkap bin ich gewesen weil auf den Lofoten das Wetter Mist war. Das Stilfser Joch fehlt mir nach diversen anderen Jochs definitiv nicht und all‘ die anderen Pflichttouren die mir noch so einfallen würden haben mich eher wenig interessiert. Aber bei der „Route des Grandes Alpes“ ist das anders. Irgendwie hat schon der Name etwas besonderes. Er klingt wie der Inbegriff des „Gran Turismo“. Bilder von schneebedeckten Bergen und unglaublichen Pässen tauchen schon beim lesen dieses Namens vor meinem geistigen Auge auf. Alpenlandschaften aus dem Bilderbuch und Panoramen die jede Postkarte albern aussehen lassen. Kurz: Es ist die europäische Traumstraße schlechthin. Knapp 700 km vom Genfer See bis Menton am Mittelmeer führt die Straße über die Pässe mit den großen Namen: Col de Iseran, Col du Gabilier, Cold du Dieser und Col du Jener. Schon vor Jahren wollte ich diese Tour fahren. Aber irgendwie ist es nie dazu gekommen. Dieses Jahr sollte es soweit sein.

Die Route

Klar: Das ist ein weiter Ritt. Schon die Anfahrt ist verdammt lang. Und anschließend muß man ja auch wieder zurück. Wie dem auch sei. Ich habe die Tour geplant und festgestellt, dass es in zwei Wochen möglich ist ohne dass man anschließend nie mehr aufs Moped steigen will. Meine Grobplanung (eine sanfte Untertreibung) sah vor, zunächst bis in die Eifel zu fahren, dann vom Saarland aus in den „Grand Est“ Frankreichs zu fahren. Durchs Elsass und die Vogesen sollen traumhafte Strecken führen und ich habe lediglich vor ein paar Jahren mal einen dreitägigen Abstecher vom Schearzwald aus dahin gemacht. Dieser Part soll drei bis vier Tage dauern. Dann wäre ich am Start der „Route des Grandes Alpes“ in Thounon les Baines am Genfer See. Die Route selbst will ich in ebenfalls drei bis vier Tagen fahren und ab dann improvisieren. Eventuell von Menton aus durch Ligurien (an Imperia vorbei!!) bis kurz vor Genua und dann durch Norditalien/Südtirol zurück. Oder wieder in die westlichen Alpen und das Aosta-Tal erfahren, oder, oder.

Egal. Der Plan steht. Ich mache das. So das Wetter mitspielt. Anfang September geht es los. Ich freue mich riesig darauf. Nach so vielen Jahren mache ich es jetzt einfach. Es ist wie mit allem: Man muss es nur tun. Und wie der große Vorsitzende (oder war es Konfuzius?) schon sagte: Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. In meinem Fall mit der esten Tankfüllung.

Start: Ein Tag und zwei Stunden zu spät


Am Montagmorgen starte ich. Um 10 Uhr. Eigentlich wollte ich seit gestern morgen um acht unterwegs sein. Aber egal. Hauptsache es geht los. Wie immer wenn es Richtung Süden/Südwesten geht, will ich auch diesmal durch die Eifel fahren. Also die altbekannte Strecke bis Blankenheim und dann etwas durchs Ahrtal und und so weiter. Am Oberhausener Kreuz ist schon Schluss mit lustig. Stau wird gemeldet. 25 Minuten Verzögerung soll es geben auf der A3 Richtung Köln. Also fahre ich weiter bis zum Gaskessel, nehme bei einer Bäckerei einen Kaffee und schaue mir auf Google Maps an, wie es aussieht. Was für ein Mist. Ich hätte gestern starten sollen. Am Sonntagmorgen um diese Zeit hat man im allgemeinen überall freie Fahrt. Zu spät. Der Stau will sich nicht auflösen und ich beschließe, einfach neben der Autobahn den Stau zu umfahren und in Breitscheid wieder auf die drei zu fahren. So mache ich das auch. Was für ein selten blöder Gedanke. Ich bin wirklich ein Depp. Ist schon mal jemand von euch am Montagmorgen durch Oberhausen und Mülheim bis Breitscheid gefahren? Lasst es. Ich hätte besser eine Stunde im Cafè gesessen und wäre dann ganz normal über die Autobahn gefahren. So schleiche ich im Kriechtempo durch den Stadtverkehr, lasse mich von LKWs einnebeln und stehe in der prallen Sonne in endlos langen Schlangen vor endlos vielen Ampeln. Klar. Ich bin hier schon lang gefahren. Aber noch nie im vollen Berufsverkehr. Und das werde ich auch ganz sicher nie wieder machen. Was für ein Mist. Fängt ja schon gut an.
Aber irgendwann bin ich tatsächlich in Breitscheid, fahre auf die Autobahn und habe tatsächlich freie Fahrt. In Leverkusen geht es wie üblich über den Rhein und auf Richtung Köln-Nord. Die neue Rheinbrücke dort scheint bald fertig zu sein. Dann wird hier auch wieder das Chaos mit den LKWs ausbrechen. Zur Zeit dürfen sie noch nicht hier lang fahren, da die Strecke seit über 10 Jahren für alles > 3,5t gesperrt ist. Ja: Richtig gelesen. Seit über 10 Jahren. So lange benötigt man in Deutschland, um eine Brücke zu bauen. Und sie ist noch nicht fertig. Naja, ich gebe zu, dass man mit dem Bau der ersten Brücke „erst“ 2017 angefangen ist. Aber die ist immer noch nicht fertig. Das ganze Projekt an der A1 umfasst knapp 5Km Autobahnausbau und zwei Brücken. 2027 soll alles fertig sein. Wer’s glaubt… Wie dem auch sei: Am Rasthof Ville mache ich meinen Traditionsstop und trinke einen Kaffee aus der Thermoskanne. Nach einer Zigarette geht es dann weiter. Die nächste Pause gibt es irgendwo in der Eifel.
Die letzten paar Kilometer bis zum Ende der A1 bei Blankenheim sind schnell gefahren. Aber es wird auch hier wieder klar: Meine Moto Guzzi ist nicht für die Autobahn gebaut. Da tut sie sich wirklich schwer. Es macht keinen Spass, mit dem Teil schnell zu fahren. Das einzig positive ist der Tempomat. Den stelle ich auf gut 120 ein und es läuft.
Das Wetter ist herrlich und die Kilometer fliegen vorbei. In der Eifel fahre ich nicht durchs Ahrtal sondern halte mich mehr westlich. Ich will über Trier in Richtung Saarland. Denn es soll ja nach Frankreich gehen.
Entlang der Kyll fahre ich schöne Straßen und ich dann fange ich an, etwas zu mogeln. Eigentlich wollte ich ab Blankenheim keine Autobahn mehr fahren. Aber die Zeit drängt. Ein Tag zu spät gestartet und heute morgen viel Zeit durch den Verkehr verloren. Bei Wittlich fahre ich auf die Autobahn und es geht in Richtung Saarbrücken. Bei Schweich überquere ich östlich von Trier die Mosel und komme gut voran. Im Saarland angekommen verlasse ich die Autobahn und fahre eine schöne Strecke Richtung Saarlouis. In Siersburg finde ich einen ordentlichen Campingplatz an der Nied, einem kleinen Nebenfluss der Saar. Mark versorgt mich mit wichtigen Informationen zu diesem Flüsschen dass ich ihm gegenüber zunächst fehlerhaft als „die Nieder“ bezeichnet hatte.
An dem Platz wird automatisch eingecheckt. Hatte ich in Norwegen auch schon mal. Ich finde das nicht schlecht, da man nicht an Öffnungs/Rezeptionszeiten gebunden ist.
Ich baue mein Zelt im Schatten einer Baumreihe auf einer kleinen Wiese direkt am Fluss auf. Nach ein paar Minuten kommt ein Nachbar vorbei und schaut sich meine Guzzi an. Er ist auch Camper hier und bei seinem WoMo steht eine Royal Enfield Himalayan. Er habe auch noch zwei Oldtimer zuhause in seiner Garage erzählt er mir. Ein chinesisches Militärgespann aus den 70ern und deutsches Wehrmachtsgespann. Wenn man drauf steht… Jeder Jeck ist halt anders. Nach dem Aufbau fahre ich noch schnell zu einer Tanke mit einem Rewe Shop und besorge mir was fürs Frühstück. Und ein 0,25l Fläschchen Wein für heute Abend. Es wird mittlerweile früh dunkel. Aber ich sitze noch einige Zeit am Flußufer, schaue mir die Sterne an und trinke mir den Wein. Der ist ganz OK. Früh liege ich auf der Matratze, freue mich auf morgen und schlafe schnell ein.

Die Nied. Idyllisch
Idyllisches Plätzchen an der Nied

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