Alles was mich interessiert

Monat: Mai 2016

Dreizehnter Tag – Ein Tag, zwei Ziele.

 

Samstag, 11. Juni

Tagesziel für heute: Dem Nordkap möglichst nahe kommen. Aber vorher habe ich noch was in Hammerfest zu erledigen. Um 9:15 geht es los. Zunächst bei Nieselregen, später bei Sonne und Regen, noch später bei Sonne. Aber es ist was? Richtig geraten: Kalt ist es. Fünf Grad. Nun denn. Was erwarte ich auch wenn ich mich auf den Weg in die nördlichste Stadt der Welt mache So bezeichnet sich Hammerfest selbst. Aber das ist glatt gelogen. Egal. Ich will da hin. Ich folge der E6 bis Skaidi. Dort biege ich auf die E94 nach Hammerfest ab. Eine Stichstraße. Ich muss den gleichen Weg zurück nach Skaidi den ich jetzt nach Hammerfest fahre. Das Wetter ist gut und ich komme gut voran. Auf der E94 gibt es ein paar nervige Baustellen die mich und die Pan ordentlich durchrütteln.

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Rentiere

 

Gegen 13 Uhr bin ich in Hammerfest. Ein sympathisches Städtchen. Und auch nicht sooo häßlich. Was auffällt sind die Fußgänger: Die haben hier immer freie Bahn. Hier achtet keiner auf Autos oder Mopeds. Keine Ahnung ob das immer so ist, aber heute auf jeden Fall.

Ich tanke und fahre dann zum eigentlichen Ziel in Hammerfest: Dem Eisbärenclub. Mit Vereinen halte ich es eigentlich wie Groucho Marx, der einmal sagte er würde keinem Verein beitreten der Ihn als Mitglied akzeptiert. Aber heute werde ich einem Verein beitreten: Dem „Isbjørnklubben“, zu deutsch „Eisbärenclub“. Oder wie er sich vornehmer nennt: „The Royal and Ancient Polar Bear Society“. Auch als nördlichste Touristenfalle der Welt bekannt. Für 200 NOK bekommt man einen Aufkleber, einen Anstecker, eine Urkunde und einen lebenslang gültigen Mitgliedsausweis. Dieser berechtigt zum Besuch der jährlichen Hauptversammlung des Clubs. Jedes Jahr am dritten Samstag im Januar. Im Rathaus von Hammerfest. Zu diesem Termin ist Hammerfest vom Land her schwer erreichbar…

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Die einzige Voraussetzung für die Aufnahme in den Club ist das persönliche Erscheinen in den Clubräumen in Hammerfest. Und natürlich die Kohle. Ich grinse den jungen Mann am Counter im Club an: „I have to become a member of this club“ worauf er ebenfalls grinsend antwortet: „No Problem. Wir können aber deutsch miteinander reden“. Er ist deutscher und wegen der schönen Landschaft und aus Abenteuerlust hier gelandet. „Gehen sie an einen der beiden Computer und geben Ihre Daten ein. Den Rest mache ich hier klar.“ Gesagt getan und zurück am Counter erhalte ich gegen die besagten 200 NOK meine Mitgliedsutensilien. Ich bin Mitglied Nr. 255073. Wirklich exklusiv ist die ganze Sache also nicht. Nun: Immerhin bin ich jetzt der Clubkamerad von König Harald, dem fünften seines Namens.Mit großem Stolz trage ich meinen Umschlag mit der Urkunde und dem anderen Tand zum Moped. Erst jetzt weiß ich, was mir in meinem Leben gefehlt hat. Denn jetzt bin ich ein „Polar Bear“. Und plötzlich ergibt alles einen Sinn.

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Noch einen Kaffee in der Stadt und ich fahre zurück nach Skaidi. Ich bin schon für noch beklopptere Sachen 120 Km gefahren. Ziel eins für heute erreicht.
Jetzt gilt es das gute Wetter zu nutzen. Es soll nicht
über die Nacht halten. Meinen ursprünglichen Plan mir eine Unterkunft in Olderfjord zu suchen und morgen zum Kap zu fahren verwerfe ich deshalb. Ich fahre immer weiter. Ich werde versuchen dem kap heute so nahe wie möglich zu kommen. Ich hoffe, in Honningsvag eine Unterkunft zu kriegen. Endlos zieht sich die Straße am Porsangerfjord entlang.

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Ein Fest bei dem Wetter. Viel blauer Himmel und acht Grad. Das geht. Und dunkel wird es hier ja nicht. Eine schöne Fahrt. Und wenn mir noch einer sagt, die Fahrt zum Kap sei öde, dem werde ich entgegenschleudern „Lüge!“.

In Honningsvag versuche ich es am „Nordkapp Camping“. Eine Hütte kriege ich nicht mehr, aber ein Zimmer im „Hotel“. Aber mit eigener Nasszelle für 790 NOK. Soll mir recht sein.

Are you going to the north cape?“ fragt mich die nette junge Frau an der Rezeption. Im ersten Augenblick verwundert mich die Frage etwas. Was soll man hier am Ende der Welt ungefähr 25 Km vor dem Nordkap wohl sonst wollen? Eine Weinprobe machen? Oder die Orangenplantagen besichtigen? Aber schnell fällt mir ein: Die beste kann ja nicht wissen dass ich noch nicht dort war. Ich könnte ja auch auf dem Rückweg sein. Also ist nicht ihre Frage blöd sondern mein erstaunen darüber. Wie dem auch sei: „Yes, i want to go there“ antworte ich. Sie ermahnt mich: „Go as soon as possible. The weather forecast has announced cloudy and rainy conditions within the next few hours“. „Oh, i will go now, so I will see the cape in the sunshine“. Gebe ich zurück. Sie lächelt und sagt „That‘s a good idea. You will enjoy it“. Ich lade kurz die Gepäckrolle vom Moped ab und leere das Topcase. Dann will ich los. Auf dem Parkplatz stehen Klaus und Gerhard aus Lörrach. Die wollen auch hochfahren und bieten mir an mich anzuschließen was ich gerne annehme. Als wir vom Parkplatz auf die E69 zum Kap einbiegen kommt noch Ricardo dazu. Ein Schweizer den die beiden unterwegs kennengelernt hatten. Seine Muttersprache ist italienisch, aber ein Mix aus Englisch und Deutsch geht auch ganz gut mit ihm. Also fahren wir in einer Vierergruppe zum Kap. Es ist ungefähr 19:30. Bis zum Kap sind es von hier weniger als 30 Km. Schnell sind wir da und löhnen unseren Eintritt. Ich nehme das billigste Ticket für immerhin 170 NOK, die beiden aus Lörrach auch. Ricardo bucht das ganze Programm. Mit Multimediashow und allem drum und dran. Das Kap ist komplett „durchkommerzialisiert. Aber was soll‘s. Ich will nur ein paar Fotos und dann wieder weg. Nicht das die Gegend hier nicht reizvoll wäre: Die Berge und schroffen Felsen hier haben einen spröden Charme. Hier auf der Ebene wachsen keine Bäume.

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Wie schon seit vielen Kilometern vorher. Es ist so etwas wie Tundra glaube ich. Wie dem auch sei: Motorrad auf dem Parkplatz abgestellt, durch die Eingangshalle und ab nach draußen zur Kugel. Endlich da. Wie haben einen günstigen Moment erwischt und Sockel samt Kugel für uns.

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Und die Sonne scheint. Wir machen gegenseitig Fotos von einander. Ricardo freut sich wie ein Kind: „Makk nicht one oder two Foto, makke twenty von mich!“ ruft er Klaus zu, dem er sein Handy gegeben hat damit der Ihn damit filmt und fotografiert. Der gute Mann ist völlig aus dem Häuschen. Auch ich lasse mich natürlich fotografieren und knipse meinerseits noch ein paar Bilder von den anderen. Und ich fühle mich ein ein klein wenig stolz. Es war ein weiter Weg hierher. Zwei Wochen. Und nicht immer einfach. Aber es ist wie es ist: Es ist einfach nur ein Punkt auf der Karte. Nichtmal der nördlichste Europas wie der Prospekt den ich mit der Eintrittskarte bekommen habe frech lügt. Es ist der Nördlichste der mit einem Landfahrzeug erreicht werden kann. Aber egal: Das Nordkap ist ein Mythos. Und ich war da. Ich gehe mit Gerhard in die „Nordkapphallen“ und trinke mit ihm noch einen Kaffee. Ricardo wird wohl noch die halbe Nacht hierbleiben und auch die beiden Lörracher zieht es noch nicht zum Camp. Ich will aufbrechen und verabschiede mich von den beiden. Ich möchte unterwegs noch etwas knipsen. Mir kommen etliche Reisebusse entgegen. Die karren die Touristen erst spät hier her in der Hoffnung, dass sie am Nordkap die Mitternachtssonne erleben. Heute könnte das klappen.

Ich fahre ganz entspannt zurück und schieße noch ein paar Fotos. Eines mit einer wahnsinnigen Aussicht auf unser Camp. Kommt aber mit dem Handy nicht besonders.
Zurück am Camp hole ich die Flasche Aberlour heraus und setzte mich draußen in die Sonne. Ich hoffe, heute zum ersten mal wirklich um Mitternacht die Sonne um Norden stehen zu sehen. Ich bin zwar schon länger im Polartag unterwegs, aber bisher war es immer bewölkt.
Es gesellen sich Andy und Helmut zu mir. Zwei Schwaben aus Calw die über Schweden hierher gefahren sind und das gleiche vorhaben wie ich. Echt nette Typen. Ich lade sie auf einen Scotch ein. Was sie gerne annehmen. Als Retoure gibt es ein Portionsfläschchen „Jim Beam“. Wir schwätzen die Zeit bis Mitternacht weg. Und da steht sie am Nordhimmel: Die Mitternachtssonne. Ein schönes Bild. Wir machen unsere Fotos und gehen dann ins Bett.

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Mitternachtssonne in Honnigsvag

 

Nachgereicht

Für die nicht WhatsApper und den Ungläubigen reiche ich hier ein Foto nach.

 

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Ja. Ich bin es wirklich. Und die Kugel steht nicht Zuhause bei mir im Garten.

Vierzehnter Tag – Abschied von Norwegen

Sonntag, 12. Juni

Um 9 Uhr starte ich in Honningsvag. Es regnet. Im Ort tanke ich zunächst noch bei Kilometerstand 83407.

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Im Camp bei Honningsvag

 

Zunächst geht es den Weg zurück den ich gestern gekommen bin. Entlang des Fjordes und durch den Nordkapptunnelen. In Olderfjord angekommen bin ich durchgefroren. Ich wärme mich im Café auf und nehme einen Kaffee mit einer noch warmen Waffel. Das tut gut.
Ich habe hin und her überlegt, ob ich via Schweden oder wie geplant durch Finnland zurückfahre. Denn hier muss ich den entsprechenden Abzweig nehmen. Wenn Schweden, dann zurück nach Alta. Ansonsten auf die E6 Richtung Karasjok. Ich bleibe bei meinem ursprünglichen Plan und entscheide mich für die Route durch Finnland. Weiter geht es. Bald lässt der Regen nach und hört irgendwann ganz auf. Die Sonne setzt sich durch. Bei Lakselv verabschiede ich mich vom Nordmeer das hier schon Barentssee heisst. Ich werde erst in knapp 800 Km wieder am Meer sein. Dann aber an der Ostsee in Finnland.

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Militärrestriktionen. Nicht anhalten, nicht fotografieren. Die Russen sind nicht weit…

 

Die Strecke ist relativ uninteressant. Ganz anders als die vielen Kilometer die ich in den letzten Tagen gefahren bin. Recht flach und kurvenarm. Und dicht bewachsen. Bei Karasjok trenne ich mich auch von der E6. Die geht jetzt wieder in den Norden nach Kirkenes. Ich folge der E92 Richtung Finnland. Bald schon kommt die Grenze die hier durch den Fluss Tanaelva markiert wird. Ich fahre über die Brücke und bin in Finnland. Tschüß, Norwegen. Ich komme wieder.

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Auf der Brücke über den Grenzfluß

 

Die E92 ist eine haarsträubende Strecke: Immer geradeaus, dafür rauf und runter. Zum schnarchen. Zum Glück stoße ich bald auf die E75 auf der ich nun recht lange bleiben werde. Hier oben ist sie noch ganz hübsch. Und gut ausgebaut. Gegen 18 Uhr bin ich in Inari und nehme eine Hütte. Hier ist wieder Euroland. Die Hütte – guter Standard – kostet 67 Euro.
Das Wetter ist immer noch super und ich spaziere kurz zum See um ein paar Fotos zu schiessen. Dann schreibe ich noch etwas und gehe ins Bett.

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Hütte am Inarisee

Fünfzehnter + sechzehnter Tag – Ist das öde

13 Juni Montag, 14. Juni Dienstag

Gestern und heute bin ich die E75 südwärts gefahren. Mein Ziel ist Helsinki. Von dort nehme ich die Fähre nach Travemünde. Über die beiden Tage gibt es wenig zu berichten. Am 13. Juni gegen 16 Uhr überquere ich den Polarkreis in südlicher Richtung. Die haben hier ein „Santa-Village“ aufgebaut. Hier wohnt der Weihnachtsmann und man kann ihn hier ganzjährig besuchen. Unfug. Die Fahrt ist extrem anstrengend. Mental. Es ist die pure Langeweile Ich habe nun fast 1.000 Km auf der E75 zurückgelegt. Fast immer rechts und links Wald, fast immer geht es stur geradeaus. Das ist wirklich nervtötend. Die Straße ist durchweg gut bis sehr gut, und der Verkehr abgesehen von der Umgebung größerer Städte sehr dünn. Fast überall sind 100 km/h erlaubt, und ich gleite so mit 100-110 dahin, so wie es auch die Finnen tun. Die Kilometer fliegen vorbei, aber es sind so viele….

Ab und zu schimmert einer der über 16.000 finnischen Seen zwischen den Bäumen durch, oder der Wald weicht mal zurück und erlaubt so einen flüchtigen Blick auf die Weite des Landes. Aber meistens fährt man ohne jede Stimulation zwischen zwei grünen Wänden. Stunde um Stunde. Kilometer um Kilometer. Hier braucht man wirklich schnellstens autonome Fahrzeuge.

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So sah es in den letzten beiden Tagen im wesentlichen aus.

 

Die Infrastruktur ist gut: Tankstellen gibt es genügend und auch Autohöfe um zu essen oder einzukaufen. Die Preise sind hier natürlich deutlich ziviler als in Norwegen. Im Großen und Ganzen ähnlich wie bei uns.
Es ist schwierig, konzentriert zu bleiben. Die Monotonie ermüdet sehr. Ich mache häufig Pausen. Und was sonst nicht meine Art ist: Ich gehe in den Pausen spazieren. In Norwegen waren die Strecken fordernd. Es war meistens ein ziemlich aktives Fahren. Hier hockte ich wie ein Sack auf dem Motorrad und habe nichts zu tun. Das muss ich irgendwie kompensieren.

Sowohl gestern als auch heute bin ich mit Regen gestartet, und dann wurde es besser. Gestern hatte ich von Zeit zu Zeit noch einen Schauer, aber sonst war es OK. Und auch die Temperatur war gut: Immer zweistellig. Heute hatte ich nach einem nassen Start absolutes Traumwetter. Blauer Himmel und bis zu 20 Grad. Nie unter 15 Grad. Gegen 11 Uhr reduziere ich die Bekleidung um eine Schicht. Denn ich werde bei afrikanischen Temperaturen von 17-22 Grad förmlich gegrillt. Jedenfalls im Vergleich zu Norwegen.

Hinweisschilder sind weitgehend nutzlos für mich. Mein finnisch hat große Lücken. Es ist eine für uns Mitteleuropäer total unverständliche Sprache. Die Ortsnamen sind lang und unaussprechlich. Gestern habe ich in einem „Motell“ übernachtet, für heute Nacht habe ich ein „Gasthaus“ . Das Wort haben die Finnen vermutlich aus dem Deutschen übernommen. Es ist mir hier schon einige Male untergekommen. Ich bin jetzt ca. 160 Km nördlich von Helsinki. Den Rest fahre ich morgen. Ich muss muss mir noch ein Ticket besorgen.
Ich sitze noch einige Zeit auf der Terasse und trinke mir zwei Bier. Ja. Hier gibt es Bier vom Fass. 5 Euro für 0,4 l. Ein lokaler Gitarrenopa gibt schwermütige finnische und russische Weisen zum besten. Und den Kanon der Pop und Folk Schnulzen der letzten 40 Jahre. Er hat eine leidlich gute Stimme und wenn er will kann er was auf der Gitarre. Aber er spielt halt nur Schnulzen. Manchmal mag ich das. Aber es ist zuviel. Und er macht auch vor „Hallelujah“,„My Way“, „Yesterday“ und sogar „Feelings“ nicht halt. Alles auf finnisch. Ich fühle mich an die „Fabelhaften Baker Boys“ erinnert. Nur dass sich hier nicht Michelle Pfeiffer auf dem Piano räkelt sondern eine ältere finnische Dame in der Hollywoodschaukel leise mitsummt.

Irgendwann hört der Gute auf. Ich bin nicht traurig drum. Bald liege ich im Bett. Eigentlich eine Stunde zu spät. Aber das ist eine Geschichte für morgen.

Siebzehnter + achtzehnter Tag – Fähre

15. Juni Mittwoch, 16. Juni Donnerstag

Ich habe den Wecker auf 7:30 Uhr gestellt. Kurze Morgentoilette und um kurz vor acht bin ich im Frühstücksraum. Niemand da und das Buffet weitgehend geplündert. Merkwürdig. Gestern morgen im Motel war das auch schon so. Die Finnen sind offenbar Frühaufsteher. Der Wirt des Gasthauses begrüßt mich freundlich und ich bediene mich an den Resten des Buffets. Mein Blick fällt auf den Fernseher an der Wand gegenüber. Da läuft irgendeine Sportsendung die mit der EM zu tun hat. Die laufende Uhrzeit die unten rechts eingeblendet wird sagt es ist 9:05. Hä? Ich checke das.mein Handy sagt 8:05. Mein Tablet auch. Kurz ins Internet geschaut und tatsächlich. Finnland ist der MESZ eine Stunde voraus. Ich habe das nicht gewusst. Also fahre ich seit vorgestern der Zeit um eine Stunde hinterher. Eigentlich kein Problem. Aber das mit dem Frühstück an den letzten beiden Tagen ist damit geklärt. Und heute habe ich einen Zeitplan einzuhalten: Nach Helsinki fahren, bei Finnlines ein Ticket besorgen und zwei Stunden vor Abfahrt am Kai sein. Da könnte eine fehlende Stunde schon fatale Auswirkungen haben. Gut dass ich das zufällig noch bemerkt habe.

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Mein letztes Gasthaus in Finnland, 150 Km nörlich von Helsinki

Andererseits: Es sollte sich zeigen dass mein Zeitpolster mehr als ausreichend ist. Gestern bin ich doch weiter gekommen als gedacht. Ich starte also gegen 9:45 Ortszeit, eine Stunde später als geplant. Die Strecke ist immer noch öde, aber der Verkehr wird dichter. Vor Lathi wird die E75 zu einer Autobahn auf der 120 km/h erlaubt sind. Mit gut 130 schwimme ich auf der linken Spur mit. Die Kilometer fliegen so dahin und bald schon sehe ich das Schild „Helsinki 99 Km“. Ich überlege mir, Online nach einem Ticket für die Fähre zu suchen und halte an einem „Abc“ Rasthof an. Die Buchung ist auch kein Problem. Bei „Finnlines“ ordere ich eine Passage nach Travemünde. Abfahrt heute 17 Uhr, bis 15 Uhr Check In. Das ist zeitlich kein Problem.Die Fahrt kostet 185 Euro. Will ich eine Kabine dazu haben explodiert der Preis auf 443 Euro. Das ist heftig. Ich beschließe, dass ich die 260 Euro einspare. Dafür werde ich mir den Luxus leisten heute das „Dinner Buffet“ und morgen das „Brunch Buffet“ zu nutzen. Die Fähre läuft 30 Stunden und legt morgen Abend gegen 22 Uhr in Travemünde an. Also werde ich dort auch noch eine Unterkunft brauchen. Denn ich werde nicht bei Nacht und Regen von Travemünde nach Hause fahren. Die Buchung eines passenden Hotels ist auch schnell erledigt. Es muss eins sein, in dem man auch spät noch einchecken kann. Ich entscheide mich für das Hotel „Jensen“ mitten in der Lübecker Innenstadt. Es ist nicht zu weit vom Anleger weg und die Rezeption bis 24 Stunden besetzt. Ich werde dann am Freitag den Heimweg antreten. Mittags bin ich am Terminal in Helsinki. Ich gehe zum Counter der Finnlines und lasse mir dort erklären, dass das Boarding schon so gegen 14:30 startet und Motorräder gemeinhin als erste an Bord gehen. Das heißt ich habe jetzt zweieinhalb Stunden Pause. Ich fahre zu einer Tanke mit Bistro und nehme einen Kaffee und ein Sandwich. Dann überlege ich mir, wie ich mit möglichst minimalem Gepäck auf der Fähre klarkomme. Die Motorradklamotten sollten möglichst am Motorrad bleiben, und ich suche ein diskretes Plätzchen hinter der Tanke um mich umzuziehen. In die Tasche, die sonst im Topcase liegt, packe ich alle benötigten Sachen und stopfe dafür die Motorradsachen ins Case. Das passt nur sehr knapp. Aber es geht. Den Helm werde ich ebenfalls am Moped lassen. Dann setze ich mich noch in die Sonne und lese.

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Warten in der Schlange. Finnlines Terminal in Helsinki

 

Kurz vor 14:30 fahre ich zum Terminal, werde rasch abgefertigt und warte in „Line 1“ zusammen mit diversen anderen Motorrad- und Radfahrern . Kein deutsches Motorrad dabei. Die drei Radfahrer kommen aus Deutschland. Genauer aus Niederbayern. Die haben mehr als tausend Kilometer in Finnland gemacht. Respekt. Um 15 Uhr beginnt das Boarding. Also später als die Dame am Counter gesagt hat. Und genau zu dem Zeitpunkt der im Internet angegeben ist. Ein „Follow Me“ der Finnlines holt uns Zweiradfahrer ab und führt uns vorbei an diversen Kais auf die Fähre bis auf das richtige Deck. Dort wird nun eingeparkt und gezurrt. Kein Problem.

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Noch im Hafen

 

Jetzt bin ich auf der „Finnmaid“. Kurze Zeit nach dem Verzurren sitze ich bereits auf dem Sonnendeck und geniesse eine kaltes Mineralwasser. Die Sonne scheint. Es ist wunderbares Wetter. In Travemünde soll es bei der Ankunft regnen. So der Wetterdienst. Und am Freitag muss ich mit einer regnerischen Heimfahrt rechnen. Mist. Aber abwarten. Vielleicht ändert sich ja noch was in den nächsten 48 Stunden. Pünktlich legt die Fähre ab. Jetzt geht es bis morgen Abend vorbei am Baltikum, Polen, Schweden, Dänemark.

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Selfie: Der Autor an Bord

 

Wie die meisten Passagiere genieße ich den Rest des schönen Nachmittags noch auf dem Deck. Um 19 Uhr bin ich am Buffet. Das ist OK. Besser als das auf der „Color Magic“. Scheint mir jedenfalls. Im Restaurant hat man einen tollen Blick aufs Meer in Fahrtrichtung der Fähre. Kurz vor 20 Uhr sitze ich wieder auf dem Sonnendeck. Ich werde heute einen einzigartigen Sonnenuntergang erleben. Wenn hier auch kein Polartag herrscht: Wirklich dunkel wird es hier nicht. Die Finnen und die Russen nennen das die „Weißen Nächte“. Der Sonnenuntergang ist wirklich ein Spektakel. Die wenigen Wolken die sich ab und zu vor die Sonne schieben erstrahlen mal Rot, mal Gelb und mal Schneeweiß.

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Sunset mit Tequila Sunrise

 

Ein tolles Schauspiel. Ich gönne mir eine Flasche Riesling und genieße den letzten Abend in Skandinavien. Oder genauer in skandinavischen Gewässern. Es wird kühl und ich ziehe mir die Jacke über. Erstaunlicherweise bin ich der einzige Gast auf dem Sonnendeck. Nur ab und zu kommt jemand zum Rauchen heraus. Die Fähre ist wesentlich kleiner als die „Color Magic“. Und entsprechend weniger Fahrgäste sind an Bord. Die Ausstattung ist deutlich bescheidener und es gibt hier keine Gästebespaßung. Die Bar hat bis null Uhr auf und danach herrscht Ruhe auf dem Schiff. Ganz anders als auf der Kiel-Oslo Linie.

 

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Sunset mit Riesling

 

Der Sonnenuntergang zieht sich bis nach 23 Uhr (MESZ) hin. Dann verschwindet sie in Nord-Nord-Ost hinter den Horizont. Aber es bleibt ein breiter roter Streifen, der auch tief in der Nacht noch zu sehen ist. Nach zwei „Tequila Sunrise“ und der Flasche Riesling habe ich auch die notwendige Bettschwere. Nur kein Bett dazu. Also mache es ich mir auf einem „Airseat“ bequem. Schnell schlafe ich ein. Aber ich werde oft wach. In so einem Sessel zu schlafen ist nicht so mein Ding. Aber für eine Nacht geht das schon. Und auch diese Nacht vergeht. Um 8:30 mache ich eine flüchtige Morgentoilette und besorge mir danach sofort einen Kaffee. Um 9:30 öffnet das Brunch Buffet. Ich gehe um 10 Uhr hin. Es ist OK. nicht der Hit, aber OK. Das Wetter ist heute komplett anders als gestern. Vergangene Nacht setzte schon leichter Nieselregen ein. Jetzt Regnet es richtig und nur ab und zu kommt die Sonne durch. Und es ist windig.

Den Tag verbringe ich mit lesen. Fähre fahren ist so langweilig…

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Travemünde

 

Um 21:30 legen wir an. Bei gutem Wetter. Um 22 Uhr fahre ich von der Fähre zum Hotel.

 

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Die Mopeds werden befreit

 

Lübeck ist wie ausgestorben. Deutschland-Polen EM. Nur ein paar Polizeiwagen stehen in der Innenstadt herum. Am Hotel angekommen checke ein und gehe sofort ins Bett. Morgen ist der letzte Tag meiner Reise.

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Mein Hotel in Lübeck

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