Markus hatte mir Anno 2016 ein Script gebastelt, auf dem meine Fotos anhand der geodaten auf Google Maps dargestellt wurden. Nachdem Google irgendwann die API geändert hatte und das ganze auch nur noch mit API Keys zu machen war funktioniert das nicht mehr. Ich habe einen ersatz gefunden. Mit dem wunderbaren WP-Plugin von Martin von Berg klappt das wieder. Sogar noch etwas hübscher. Also habe ich die Bilder hier nochmal mit Kartenansicht veröffentlicht. Einige jedenfalls. Die Karte kann gezoomt erden damit ihr die einzelnen Positionen mit den dazugehörigen Bildern auswählen könnt. Viel Spass.

Kategorie: Norwegen 2016 Seite 1 von 3
Meine bisher längste Tour
So, das Blog ist aufgesetzt. Ich werde ab jetzt regelmäßig über meine Norwegenreise berichten. Zur Zeit stecke ich in den Vorbereitungen. Losgehen soll es am 29. Mai 2016. Die genaue Route steht noch nicht fest. Die Eckdaten: Fähre Kiel-Oslo, Norwegens Westen, FV17, Lofoten und wenn alles klappt bis zum Nordkapp. Der Rückweg soll mich dann via Kirkenes und dem Inarisee durch Finnland bist nach Helsinki führen. Von dort aus geht es dann mit der Fähre nach Travemünde. Das wird eine ordentliche Tour und ich hoffe, dass Wetter, Motorrad und meine Kondition mitspielen. Dabei sind ersteres und letzteres die Knackpunkte. Zu meiner Pan habe ich absolutes Vertrauen.
Im nächsten Eintrag dann mehr Details zur Idee, Planung und ein paar Gedanken. Was ich an dieser Stelle auf keinen Fall versäumen möchte, ist es mich bei all‘ den Reisenden zu bedanken die im Netz ausführliche Berichte ihrer Abenteuer zur Verfügung gestellt haben. Diese Berichte waren eine wahre Fundgrube an Tips und Ideen und ein große Inspirationsquelle für mich.
Na ja: Originell ist die Idee mit dem Motorrad nach Norwegen zu fahren nicht wirklich. Im Netz wimmelt es von Reiseberichten wetterfester Mopedfahrer die sich von der Angst vor dem norwegischen Dreckswetter nicht abschrecken ließen das Land im Norden Europas auf zwei Rädern zu erkunden.
Manche sogar mit zwei Rädern, aber ohne Motor. Selbst von einem Einradfahrer auf dem Weg zum Norkapp habe ich gelesen…. Wieder andere machen sich zu Fuß auf den einsamen Olavsweg um den „Ich bin dann mal weg“ Lesern und den Selbstsuchern- und Findern auf dem Jakobsweg zu entgehen.
Horden von Lehrern und Pensionären treiben Ihre Wohnmobile jedes Jahr den Trollstiegen „rauf und runter“ und Karawanen von Reisebussen karren Rentner und Fusskranke zum Geiranger und weiter. Dazu kommen noch die gemeinen Kreuzfahrer und die elitären Hurtigrouten Passagiere. Basejumper und Gleitschirmflieger belagern den Kjaerag und Armadas von Anglerbooten kreuzen auf den Fjorden auf der Jagd nach Dorsch und Butt. Ein Geheimtipp ist Norwegen also nicht.
Mich hat Norwegen begeistert, seit ich Anfang der 80er zum ersten mal dort war. Seit dem war schon einige Male in Norge, immer an der Küste und immer zwischen Lindesnes Fyr im Süden und der Insel Hitra kurz vor Trondheim. Nördlicher habe ich es noch nicht geschafft. Immer zum Angeln und immer mit dem Auto. Und das letzte mal ist nun auch schon ziemlich lange her: Es war der Juni 2002. Die Idee mit dem Moped da hinzufahren kam mir aber schon bei meinem ersten Aufenthalt in Norwegen: Wir fuhren bei mäßigem Wetter – leichter Nieselregen, ca. 10 Grad – mit dem Auto den Trollstiegen hinunter. Entgegen kamen uns mehrere Mopedfahrer die von der Gischt des Wasserfalls und dem Nieselregen ordentlich Wasser abbekommen hatten. Ich war trotzdem neidisch: In dieser phantastischen Umgebung auf dem Motorrad unterwegs zu sein wäre doch ein Traum, dachte ich mir. Realisiert habe ich diesen nie. Aber er ist mir auch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Als ich nach langer Abstinenz vor vier Jahren das Mopedfahren wieder entdeckt hatte war klar: Jetzt oder nie. Aus dem Alter sowas aufzuschieben bin ich ‚raus. Also soll es dieses Jahr was werden. Nach über 30 Jahren.
Dankenswerter Weise ermöglicht es mir mein Arbeitgeber, ausnahmsweise vier Wochen Urlaub am Stück zu nehmen. So sollte es gehen.
Ich werde allein fahren, denn meine Motorradfreunde sind Weicheier: Entweder haben sie das Fahren aufgegeben oder sie entfernen sich mit dem Moped nicht weiter als eine Tagestour von Zuhause. Und wenn doch, dann irgendwohin wo es eine Gutwettergarantie gibt und auch das nur mit Trailer und vorab gebuchtem Komfortpaket. Und ja: Erwischt. Genau so habe ich es in den letzten Jahren auch gehalten. Ich habe lange überlegt, ob ich die Komfortzone verlassen will.
Gut drei Wochen unterwegs, auf Campingplätzen nächtigen und mich von Dosenfutter, Walfleisch und den berüchtigten Norwegischen Pølser ernähren. Dazu den kalten Nordatlantikregen geniessen und mich von 7-8 Windstärken bei Kühlschranktemperaturen über den Atlanterhavsvegen oder den FV17 blasen lassen um dann die Lofoten im feuchtkalten Nebel zu erleben. Bin ich eigentlich total doof? Vermutlich. Statt dessen könnte ich auch zwei Wochen in einem Luxusresort auf den Malediven verbringen. Oder den Seychellen. Zum gleichen Preis. Damit wäre das geklärt: Ich bin total doof.
Mehr zur Planung im nächsten Eintrag.
Am 29. Mai um 14 Uhr legt die „Color Magic“ von Kiel in Richtung Oslo ab. Und ich bin hoffentlich an Bord. Gebucht habe ich jedenfalls. Dass ich ausgerechnet mit einem Kutter fahren muss der von Veronika Ferres zur Musik der 80er Boy Band „A-ha“ getauft wurde ist schon übel. Ich hoffe das ist kein schlechtes Omen. Aber es hätte durchaus noch schlimmer kommen können: Zum Beispiel mit einem Seelenverkäufer, getauft von Helene Fischer zum Gesang vom wunderbaren Neger. So gesehen habe ich nochmal Schwein gehabt.
Ansonsten habe ich noch ein paar Entscheidungen getroffen: Zelt und Matte bleiben zuhause. Ich werde mich auf Hütten konzentrieren und zur Not auch mal ein Hotel beanspruchen. Die Tagesrouten und genauen Zeitpläne habe ich verworfen. Ich werde meine Etappen je nach Wetterlage und Wohlbefinden täglich neu festlegen. Die Route steht weitgehend, lässt aber genügend Raum für Improvisation.
So. Jetzt hat es mich zugegebenermassen doch etwas erwischt: Das Reisefieber. Alle Sachen gepackt, die Wohnung OK, Testament gemacht und Tank gefüllt. Jetzt werde ich unruhig. Am liebsten würde ich losfahren. Aber das wäre ziemlich blöd. Nachts auf der Autobahn macht das Fahren wenig Freude und es sind starke Gewitter angekündigt. Es bleibt dabei. Morgen früh um vier geht es los. Das nächste mal werde ich mich vermutlich aus Norwegen melden. Bitte kommentiert reichlich. Ich freue mich über jede Reaktion.
Die Pan. Startklar.
Kilometerstand 79763
Ohne Probleme bin ich bis Kiel gekommen. Von Münster Süd bis irgendwo hinter Bramsche habe ich ziemlich mieses Wetter. Danach geht es. Die Autobahn habe ich fast für mich allein. Auf einem Rastplatz kurz vor Hamburg leere ich dann den Rest Kaffee aus meiner Thermoskanne. Eine Ecke des Platzes sieht aus wie ein Flüchtlingscamp. Mehrere vergammelte Zelte und ein paar heruntergekommene Transits und T3s stehen da herum der Zaun ist eine 50m lange Wäscheleine auf der die Sachen aber sicher nicht trocknen. Nicht bei diesem Wetter. Dann geht es weiter nach Kiel. Das Terminal finde ich sofort: Danke, Navi. Ich bin der erste Motorradfahrer und bekomme einen Laufzettel mit einer großen „1“ und werde angewiesen mich in die Linie 5 einzureihen. Da steht vor mir ein vollgepackter Golf mit einem Ehepaar aus Sachsen. Kurz nach mir trifft ein weiteres Motorrad ein. Ilona und Franz mit einer schwarzen BMW 800GT. Die haben die Nummer „2“. Aber wie sich herausstellt, hat die Zahl nichts mit irgendeiner Reihenfolge zu tun. Die beiden sind über Nacht mit dem Zug von München nach Hamburg gefahren und wollen in den Südwesten von Norwegen. Sie haben alles im voraus gebucht und fahren von einem Hotel zum nächsten. Allmählich füllen sich die Warteschlangen.
Unsere, in der die Mopeds stehen sieht jetzt aus wie eine große GS Versammlung. Ich schwöre: Egal wie gut das Teil auch sein mag: Ich werde mir niemals eine zulegen. Es ist wirklich wie zu DDR Zeiten: Es gibt ein Einheitsmotorrad.
Natürlich gibt es auch ein paar andere Mopeds. Ich sichte eine Versys, zwei Transen, einen Crosstourer und eine FJR. Und dann kommt noch ein Poser: Ein Typ mit einer Harley rollt an, mit der Geräuschkulisse eines mobilen Feuerwerkes. Unmöglich. Der Kerl ist von Kopf bis Fuß in Harleyklammotten gewandet, trägt ein Braincap und als er dass abnimmt zaubert er eine schwarze Harleycap herbei. Gibt es eigentlich Harley Unterwäsche? Und Harley Socken? Wenn ja: Ich weiß was der Typ untendrunter trägt. Ich bin nicht der einzige der grinsen muss.
Die Verladung zieht sich. Endlich geht es los. Und es wird hektisch.
Rauf auf das Deck und rein in die GS Herde. Durch die verschiedenen Wartestationen bin ich mit den Bayern mittlerweile am Ende der Mopedschlange und wir fahren ziemlich zum Schluss auf unsere Plätze. Ich bekomme von einem Einweiser in gelber Weste einen Gurt in die Hand gedrückt. Zeit für Fragen bleibt nicht. Rechts und links von mir stehen Holländer. Links GS, rechts Crosstourer. Die haben das mit dem Verzurren anscheinend schon öfter gemacht. Ich schaue mir an wie die ihre Mopeds sichern und binde dann auch meine Pan am Schiff fest. Eigentlich einfach. Einer der Holländer schaut sich grinsend mein Werk an, hält den Daumen hoch und ruft „Ok, gut“. Er hatte wohl Angst, dass im Falle einer schlechten Befestigung meine Pan auf seiner GS landet…. jetzt merke ich mir noch Deck und Gate: Deck A2 Gate 4 und verlasse das Autodeck. Meine Kabinennummer habe ich auswendig drauf. Deck 5, Nr. 503. Das ist nur eine Treppe vom Autodeck und dann im Mittelgang. Ich finde sie sofort. Die Bordkarte ist auch der Schlüssel. Rein in die gute Stube und raus aus den Mopedklamotten. Die Kabine ist nicht riesig, aber ausreichend. Das Klappbett sieht bequem aus und wie sich später zeigt ist es das auch. Jetzt erkunde ich noch etwas das Schiff und gehe dann zum Buffet. Das ist teuer, aber dafür auch nicht so gut. Hier schmeckt alles nach Kantine. Aber ich habe Hunger. Und der hat’s dann auch ‚reingetrieben. Nach dem Buffet decke ich mich
am Geldautomaten mit NOKs ein und kaufe mir im Taxfree eine Flasche 12 Jahre alten Aberlour Single Malt. Einen Preisvorteil bietet der Taxfree nicht. Die Flasche kostet mehr als im Saftladen in Bocholt. Allerdings ist es eine Literflasche. Meine Beute bringe ich in die Kabine und gehe nachher dann zum Aussendeck um meinem Laster zu frönen. Etwas rauchen und etwas lesen. Die Luft ist lau. Um 8 Uhr bin ich in der Kabine im Bett. Ich lasse den Fernseher laufen. Auf Programm 17 wird das Livebild der Bugkamera sowie die aktuelle Position und Geschwindigkeit des Schiffes übertragen. Ich schlafe schnell ein. Und keine Sorgen: Die nächsten Beiträge werden kürzer.
Km 80419, kurz vor Hemsedal.
Meine Tageskilometerzähler funktionieren nicht mehr und die Borduhr zeigt die Ortszeit von Timbuktu an. Oder die von Ulan Bator. Ich bin mir nicht sicher. Egal. Der „richtige“ Kilometerzähler funktioniert jedenfalls. Der Bordcomputer hat wohl eine Macke. Die Abfertigung heute morgen in Oslo war unproblematisch. Kein Zoll zu sehen. Also raus aus der Stadt
und auf die E16 nach Hoenefoss. Der Himmel ist bedeckt und es ist nebelig. Es hat 15 Grad. So lässt sich fahren. Die Straßen sind allerdings feucht und schmierig, aber es gibt nur wenig Verkehr und ich komme gut voran. An das Schleichtempo gewöhne ich mich schon noch. In Gol biege ich auf die Straße zum
Hemsefjell ab. Es geht schon seit geraumer Zeit immer aufwärts und mit jedem Kilometer wird es kälter. Ich stehe hier kurz vor Hemsedal und es sind noch neun Grad. Aber bis Laerdal am Songnefjord sind es nur noch 120 km und dort suche ich mir eine Unterkunft. Die Strecke war bisher sehr schön: Dichte Wälder, reissende Flüsse und stille Bergseen ziehen vorbei. Herrlich.
Kurze Zeit später: Rechts und links ziehen große weiße Felder an mir vorbei. Vermutlich Schnee. Was sonst. Die Bergspitzen liegen in den Wolken und ich sehe einen Wasserfall der wirklich direkt aus den Wolken zu kommen scheint. Und es fängt an zu regnen. Und es wird noch kälter. Oh Sch….. ist das kalt. Vier Grad noch. Eis und Schnee bis an den Straßenrand. Rechts von mir ein großer zugefrorener See. Und alles im eisekalten Nieselregen. Ich halte nicht mehr an. Nur raus aus der Kälte. Dann endlich geht es abwärts. In steilen Serpentinen geht es hinunter nach Borgund. Hier mache ich einen kurzen Abstecher zur Stabkirche. Eine der ältesten und am besten erhaltenen in Norwegen. Sie ist ziemlich klein. Die Wikinger müssen wahre Zwerge gewesen sein. Weiter geht es über Laerdal am Sognefjord und dann mit der Fähre rüber Richtung Sogndal. Es regnet immer heftiger.
Kilometerstand 80516, Campingplatz
Ich komme an einen Campingplatz mit Hütten. Die Rezeption ist nicht besetzt, aber es ist eine Telefonnummer angegeben. Ich rufe da an, und die nette Dame am anderen Ende erklärt mir, dass nur noch „High Standard“ Hütten für 900 NOK frei seien. Mir egal. Jedenfalls heute. Ich bin durchgefroren und will nur noch eine trockene Unterkunft. Die Dame sagt mir dann noch, ich solle Hütte „B“ nehmen und der Schlüssel würde stecken. Von 20-21 Uhr sei die Rezeption dann besetzt und ich solle mich dort melden. Soweit, so unkompliziert.
Die Hütte ist wirklich gut. Ich hänge meine Motorradsachen auf eine Wäschespinne im Badezimmer auf und werfe dort die Heizung an. Die werden morgen trocken sein. Dann dusche ich heiß und koche Kaffee. Gegessen wird heute nicht. Ich bin noch satt von der Fähre. Um 20 Uhr bin ich an der Rezeption und zahle. Um 20:30 Uhr sitze ich am Küchentisch und schreibe diesen Beitrag. Dabei habe ich einen traumhaften Blick auf den Sognefjord. Wenn doch nur der Regen aufhören würde. Die Wettervorhersage verspricht für morgen besseres Wetter. Aber die hat mich heute auch belogen…
Ich habe gut geschlafen. Um 6:30 geht der Wecker. Ich bin sofort auf und schaue was das Wetter macht. Es regnet nicht, aber trocken ist anders. Dichte Nebelschwaden hängen über dem Fjord und der Campingwiese. Alles tropft, alles ist klamm. Meine Klamotten zum Glück nicht. Die sind alle warm und trocken. Nach der Dusche koche ich Kaffee und mache auch die Thermoskanne voll. Ich belade das Motorrad und räume kurz die Bude auf. Es war eine gute Unterkunft zu einem fürstlichen Preis. Aber ich habe mich hier gut von dem gestrigen Mistwetter erholt. Kurz vor 8 starte ich die Pan und bin wieder auf Tour. Heute soll es über mehrere Fjells bis Utvik, Stryn und Geiranger gehen. Von dort aus nach Eidsdalen und mit der Fähre nach Linge. Zirka 25 Km vor dem Trollstigen gibt es einen Campingplatz mit Hütten. Im Gudbrandsdal. Da soll es hingehen. Nachdem ich die Ortsausfahrt von Sogndal hinter mir gelassen habe, sagt das Navi, dass ich im nächsten Kreisverkehr links abbiegen soll. In 61,7 Kilometern. So mag ich das. Eine Zeitlang zieht sich die Strecke am Fjord entlang, dann geht es ins Gebirge. Ich sehe die wolkenverhangenen Gipfel und die Schneefelder in großer Höhe über mir. Aber die kommen schnell näher. Und richtig: Es wird kalt kalt kalt. Schnee bis an der Straße, zugefrorene Seen und Flüsse. Zum Glück kein Regen, aber ständiger Nebel bzw. Wolken. Die Kälte kriecht durch die Klamotten. Und dann die Tunnels: Lang, dunkel und kalt wie eine Kühltruhe. Davon habe ich jede Menge auf meinem Weg. Aber ich genieße auch grandiose Panoramen. Der Fahrspaß kommt wie schon gestern etwas zu kurz. Die Straßen sind nass, schmierig und in durchwachsenem Zustand. Unvermittelt tauchen Längsrillen von der Breite eines Ölfasses auf und der Frost hat in der Decke seine Spuren hinterlassen. Ich muss aufpassen wie ein Luchs. Das Fahren ist anstrengend. Verkehr gibt es nur wenig. Überwiegend LKWs, die mich jedes mal mit einer breiten Gischtfahne einhüllen wenn sie mir entgegen kommen. Super. Aber immerhin: Es regnet auch weiterhin nicht. Ich brauche Sprit. Die Anzeige sagt mir ich kann noch 75 Kilometer fahren, aber ich nehme den ersten Tankautomaten der kommt. Automaten gibt es hier einige. Die stehen mitten in der Pampa und man kann mit Kreditkarte da tanken. Eine gute Sache.
Am Gletscher Boyabreen mache ich Pause und schlürfe Kaffee aus der Thermoskanne. Ich bin so froh dass ich die doch mitgenommen habe. So behalte ich trotz der nassen Kälte meine gute Laune. Vom Gletscher sehe ich nur ein paar Ausläufer bläulich schimmernden Eises. Aber was auch sonst: Man spürt seine Nähe durch die Kälte. Sagte ich schon, dass es hier echt kalt ist? Und mein Magen meldet sich. Ich habe Hunger. Seit dem Frühstück auf der Fähre gestern morgen habe nichts mehr
gegessen. Ich werde mir bald was zu Essen besorgen. Kurz vor Skei: Eine Ziegenherde ohne Hüter auf der Straße. Sachen gibt’s. Keine zwei Kilometer weiter wird es noch besser: Im Nebel taucht links ein Parkplatz auf, auf dem steht Klaus. Und sein Deutz, Baujahr 1969. Klaus ist Rentner und seit vier Wochen mit Trecker und selbstgebautem Wohnanhänger unterwegs zum Nordkap. Bis September will er wieder zuhause sein.
Er war in jüngeren Jahren auch viel mit dem Motorrad unterwegs erzählt er mir. Nach einem netten Plausch mache ich noch ein Foto und er erlaubt mir es ins Internet zu stellen. Ein netter Typ.Vielleicht etwas verrückt, aber nicht verschroben. Wir geben uns kurz die Hand und wünschen uns gegenseitig eine gute Fahrt. Kurz nach dieser Begegnung passiert es: Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken. Wahnsinn. Das es sowas hier gibt. Aber es hält nicht lange: Schon seit geraumer Zeit fahre ich wieder bergauf und lasse bald die Baumgrenze hinter mir. Die Aussichten sind gigantisch. Es ist atemberaubend. Und – was sonst – es ist kalt. Und noch kälter. Aber ich glaube ich erwähnte das schonmal…. Es ist hier echt kalt. Dann die Abfahrt. Es wird wärmer. Und die Sonne kommt raus. Ist das eine Wohltat. Unten am Fjord sind die Straßen trocken und ich kann sogar die Heizgriffe abschalten. Das Fahren wird zum echten Spaß. Im Fjord bei Stryn liegt die „Emerald Princess“ und gefühlte 10.000 Touristen rennen durch das kleine Dorf. Aber das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf Geiranger. Die Strecke nach Geiranger ist spektakulär. Wieder rauf aufs Fjell, aber diesmal mit Sonnenschein und immerhin 12 Grad. Sonne ist toll.
Auch hier Schnee und Eis bis an die Fahrban. Aber die Strasse ist trocken und die Fahrt ein wahres Vergnügen. Die Abfahrt vom Fjell hinunter nach Geiranger ist kaum zu toppen. Gefühlt hunderte von Serpentinen und eine gute Straße. Was für eine Fahrt. Nach dem Hochgenuss folgt jetzt der etwas unschönere Part: Reisebusse. Dutzende. Die bringen die Kreuzfahrer von Geiranger zum Dalsnibba oder auch nur bis zum ersten Aussichtspunkt über dem Dorf. Ich will nicht meckern. Schließlich bin ich auch Touri und auch hier in Geiranger. Aber zuviel ist zuviel. Ich halte unten nur kurz an. Die Hektik und die vielen Busse und Menschen stören mich. Ich fahre weiter. Die Adlerstraße hinauf. Am berühmten Aussichtspunkt dort mache ich auch meine Fotos. Zusammen mit hunderten von Franzosen und Chinesen
Geiranger: Du bist schön. Aber man muss dich mit zu vielen anderen teilen. Nichts für mich. Achja: Ich habe noch mehr Hunger.
Ich fahre bis Eidsdal. Dort will ich die Fähre nach Linge nehmen. Nahe beim Anleger gibt es einen Coop Supermarkt. Endlich: Das hungern hat ein Ende. Erstaunlich wie anspruchslos man wird wenn man Hunger hat: Ein Päckchen Salami, zwei Baguettebrötchen, eine Flasche Mineralwasser und zwei Bananen. Dann noch ein „Coffe to go“ aus dem Automaten der erstaunlich gut schmeckt und ich mache es mir am Fähranleger bequem. Ich speise nicht eben wie ein Fürst, aber bei dieser Aussicht würde ich mit niemandem tauschen wollen.
Dann ab auf die Fähre. Mein Tagesziel ist nur noch 15km entfernt. Schließlich will ich morgen früh die Trollstigen hinunter fahren. Eines der Highlights der Tour und einer der Gründe warum ich mit dem Motorrad hier bin. Ich will zum Gjaerde Camping und mir eine Hütte für die Nacht nehmen.
Aber es kommt anders. Gjarde Camping ist geschlossen. Schei***. Was nun? Ich kann zurückfahren. Ich bin an mindestens zwei anderen Plätzen mit Hütten vorbeigekommen. Nix da. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Das heisst, ich werde heute noch den Trollstigen fahren. Lieber Himmel. Aber was solls: Dem Moped die Sporen gegeben und rauf aufs Fjell. Sagte ich schon, das auf den Fjells auch Ende Mai Schnee und Eis en Masse vorhanden sind? Und das es da ziemlich kalt ist? Wenn nicht hole ich das nach: Jede Menge Eis und Schnee. Und Kälte. Und Wind. Und vor allem kalter Wind. Ich bin im Reinheimen Nationalpark. Und bald an der Trollstigen. An einem Aussichtspunkt mache ich Pause. Und ich baue einen Troll. Das soll Glück bringen. Mein Troll ist kein großer Troll. Aber es ist mein Troll. Und es ist der einzige Troll hier. An den anderen Parkplätzen standen schon viele davon rum. An diesem Platz ist meiner der einzige.
Dann mache ich die Kamera klar, atme durch und halte auf die Trollstigen zu. Den Touristenquatsch am Trollstigencenter lasse ich aus. Ich fahre direkt drauf los. Und erstmal in die Wolken. Ich befürchte schon,dass ich den ganzen Weg nach unten nur Nebel habe, aber die Angst ist unbegründet: Nach ein paar Metern ist es klar. So ein Mist. Ich glaube der Nebel wäre besser für mein Nervenkostüm gewesen. Dann hätte ich nicht sehen müssen was ich hier tue. Die Trollstigen ist gewaltig. Und gewaltig steil. Meine Höhenangst, im normalen Alltag nicht spürbar, schlägt zu. Ich habe einen Kloß im Hals und sitze total verkrampft auf dem Moped. Ich habe die Troll-Leiter für mich allein. Zum Glück. Ich bemühe mich auf die Straße zu sehen. Der Blick in den Abgrund tut mir nicht wirklich gut. Meine lieber Herr Gesangsverein: Hier geht es echt abwärts. Langsam, unendlich langsam, aber sicher meistere ich Kehre um Kehre. Ich schwöre mir mehrfach, sowas nie nie nie mehr zu machen. Der Wasserfall verpasst mir eine eisige Dusche. Und dann komme ich unten an. Heil. Und irgendwie euphorisch. Ich vergesse meine Schwüre und überlege ernsthaft umzudrehen und nochmal rauf zu fahren. Ich Depp. Zum Glück fällt mir rechtzeitig ein dass ich dann ja auch nochmal runter müsste und ich verwerfe diesen Gedanken sofort. Ich fahre durch ein grünes Tal in wärmenden Sonnenstrahlen auf Andalsnes zu. Und ich finde meine Hütte für heute Nacht.
Kilometerstand 80855.
Um sechs Uhr Früh bin ich auf. Ich mache mir ein kleines Frühstück. Etwas von der Salami von gestern mit einem halben Baguettebrötchen und eine Banane. Und Kaffee. Mein Gaskocher ist super. Und auch die Anschaffung des faltbaren Silikon-Kaffeefilters rechtfertigt sich nun: Wirklich ein feines Teil. Ich fülle natürlich auch die Thermoskanne.
Danach mache die Hütte klar und halte noch einen kurzen Plausch mit meinen Hüttennachbarn. Zwei Schweden aus Göteborg. Die fahren beide eine neue 1000er Versys. Schöne Motorräder. Die habe hier den nördlichsten Punkt ihrer Reise erreicht. Gestern sind sie wie ich von Geiranger zur Trollstigen gefahren und machen sich nun auf, den gleichen Weg zurückzufahren.
Ich will heute bis Trondheim. Ich möchte aber einen Umweg über die berühmte Atlantikstraße, den „Altlanterhavsveien“ nach Kristiansund machen. Den Hüttenschlüssel werfe ich in den Briefkasten da die Rezeption noch nicht besetzt ist. Das wird hier überall so gehalten wie ich mittlerweile festgestellt habe. In Andalsnes tanke ich noch und los geht es in Richtung Molde. Dazu fahre ich zunächst bis zum Anleger der Fähre Afarnes-Soelsnes und warte auf die Fähre. Nach kurzer Überfahrt geht es weiter Richtung Molde. Ich überquere die elegant geschwungene Brücke zum Inselchen Bolsoya und fahre dann in den Tunnel der die Insel mit Molde verbindet.
Kurz vor der Brücke halte ich an um ein Foto zu machen. Aus der Gegenrichtung kommen zwei Motorradfahrer die das gleiche vorhaben. Wir halten einen kurzen Schwatz. Sie kommen aus Bremen und haben in Molde übernachtet. Jetzt fahren sie zurück. Sie hätten bisher nur Regen gehabt auf ihrer Fahrt und das sei ihr erster trockener Tag. Der Ältere der beiden war schon 15 mal mit dem Motorrad in Norwegen wie er mir erzählt. Wir trennen uns und bald bin ich in Molde: „The Town of Jazz and Roses“ wie sich Molde selbst nennt. „Jazz“ wegen des traditionsreichen jährlichen Jazzfestivals, „Roses“ wegen des vergleichsweise milden Klimas das hier noch Rosen gedeihen lässt. Ich habe aber keine gesehen. Ich war 1992 schon mal hier. Damals mit Christian und Petra. Die hatte hier einen sündhaft teuren echten Norwegerpullover gekauft. Die werden hier auch produziert. Die Stadt durchquere ich aber nicht sondern fahre direkt weiter zur Atlantikstraße. Hier war ich schon zweimal. Dass ich diese Strecke gewählt habe ist so eine Art Nostalgietrip. Die Atlantikstraße selbst ist nicht halb so spektakulär wie oft beschrieben.
Das Wetter ist hier durchwachsen: Dicht bewölkt, windig und kühl. Aber trocken. Und das ist das wichtigste. Schon ab Eide macht mich mein Navi kirre. Wo das überall hin will. Ich kenne die Strecke und habe die Karte grob im Kopf. Zunächst ignoriere ich die Anweisungen des TomToms, dann irgendwann schalte ich es ab. Hier kann ich ich nicht verfahren. Obendrein ist alles gut ausgeschildert. Auf der Atlantikstraße ist es wie zu erwarten war sehr windig. Ich fahre in Schräglage geradeaus. Allerdings in wechselnden Schräglagen. Der Wind scheint aus allen Richtungen zu kommen und ist sehr böhig. Das ist äußerst unangenehm. Zum ersten mal hier in Norwegen sehe ich jetzt das offene Meer. Kein Fjord sondern die äußere Küste. Hier kommt bis Island nichts mehr. Die Wellen schlagen schwer an die steinigen Ufer und ich rieche und spüre die Gischt. Das ist schön, wenn auch kühl. Das eigentlich obligatorische Standardfoto von der Storseisundbrücke habe ich mir geschenkt.
Gegen Mittag bin ich auf Ekkilsoya. Hier war ich vor vielen Jahren – das genaue Jahr habe ich nicht im Kopf – mal zwei Wochen angeln. Das liegt kurz vor Kristiansund. Ich erinnere mich, dass wir damals die Fähre nehmen mussten um nach Kristiansand zu gelangen. Jetzt gibt es einen Tunnel. Der ist Mautpflichtig und es kostet 61 NOK ihn zu benutzen. Ich unterquere also den Fjord und bin in Kristiansund. Mein Magen meldet sich. Ich habe zwar ein kleines Frühstück gehabt, und gestern Nachmittag noch das Picknick Fjord. Aber mein letztes warmes Essen habe ich am Sonntag Mittag auf der „Color Magic“ gehabt. Also beschließe ich es mal richtig krachen zu lassen und steuere den „Burger King“ von Kristiansund an. Ein Doppelwhopper wird bestellt. Nebst Pommes und als Softdrink eine Cola Zero. Dazu noch Mayo. Der Spaß kostet knapp 130 NOK. Und die Pommesportion ist erschreckend klein. Es schmeckt wie so ein Whopper eben schmeckt. Ich nutze das WLAN des Burgerladens und schaue mal den Wetterbericht und die neuesten Nachrichten. Das Wetter Zuhause ist ja katastrophal! Wenn man also gutes Wetter haben will: Knapp 1.500 Kilometer nördlich kann man es haben: Hier scheint jetzt die Sonne. Die Wolken lösen sich mehr und mehr auf. Wunderbar.
Ich will heute noch bis Flakk fahren, das ist kurz vor Trondheim. Von dort geht die Fähre zur Halbinsel Fosen. Dort gibt es auch das „Flakk Camping“. Mein Tagesziel.
Doch zunächst geht es erst mal raus aus der Stadt. Ich fahre nach Kanestraum um die Fähre nach Halsa zu nehmen. Das Fahren mit der Fähre wird mitterweile zur Routine. Diese Überfahrt ist jedoch besonders schön: Die Sonne scheint und der Halsafjord schimmert tiefblau und ist spiegelglatt. Eine Postkartenaussicht. Nur viel schöner. Diese Fähre ist relativ groß und hat ein Aussichtsdeck. Dahin gehe ich jetzt und geniesse diese kleine Schiffsreise.
Noch vor zwei Tagen wagte ich nicht, von so einem Wetter zu träumen. Und jetzt ist es da. Und es bleibt. Zumindest für heute: Ich verlasse die Fähre und fahre die E39 Richtung Trondheim. Die Fahrt ist mit Worten ebenfalls kaum zu beschreiben. An dieser Strecke fehlen die spektakulären Auf- und Abfahrten, keine verrückten Brücken und dramatischen Aussichten. Die äußerst gute Straße schlängelt sich entlang des Vinefjordes. Nie lange geradeaus, sondern immer in leichten Kurven, mit sanften Steigungen und Gefällen. Und das bei strahlendem Wetter. Herrlich. Ich gerate in den Flow. Das Fahren geht von allein und ich kann die Landschaft und die Ausblicke über den Fjord geniessen. An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich beim norwegischen Verkehrsministerium bedanken, dass mir diese Straße zur exklusiven Nutzung an diesem traumhaften Nachmittag zur Verfügung gestellt hat. Was für ein Unterschied zu den letzten beiden Tagen. Aber alles hat seinen Reiz. Vor allem die Kontraste.
Kurz vor Orkanger mache ich eine Pause. Ich überlege, ob es eine gute Idee ist bis Flakk zu fahren. Denn wenn der Platz geschlossen ist muss ich fast 30Km zurück. Ich beschließe, es zunächst am Campingplatz von Oysand zu versuchen. Das ist kurz vor Trondheim. Sollte ich da nichts kriegen oder sollte der geschlossen sein dann fahre ich weiter nach Flakk. So der Plan.
Vor erreichen des Zieles tanke ich noch. Aus einiger Entfernung sehe ich in einer Ecke der großen Tankstelle ein paar Sitzgruppen an denen einige Motorräder stehen und ihre Fahrer wohl Pause machen. Beim näheren hinsehen erkenne ich ein schönes Motorrad: Scheint eine nagelneue Triumph T120 zu sein. Naja: Wohl etwas gepimpt. Mit Kickstarter und auffälligem Luftfiltergehäuse rechts. Ich gehe näher ran: Sie glänzt in der Sonne als ob sie eben vom Band gelaufen wäre. Moment: Die hat eine Trommelbremse vorne. Ich schaue noch genauer hin: Es ist keine neue T120 sondern eine originale T90 aus den 60er Jahren. Hammer. Und dann schaue ich mir die anderen Motorräder an: Eine 600er BSA, ebenfalls 60er Jahre, eine Norton Commando aus den 70ern, und eine Triumph Trophy. Daneben eine Honda Seven Fifty ebenfalls über 40 Jahre alt.
Manches Museum wäre froh diese Teile in diesem Zustand zu besitzen. Ich frage die Besitzer ob ich Fotos machen darf was sie mir mit einem gewissen Besitzerstolz in der Stimme erlauben. Es ist eine Versammlung von älteren Herren die sich hier wohl verabredet hat um ihre Schätze auszuführen. Ich sage noch: „These vintage machines are really beautiful“ und zurück kommt ein lachendes „And so are their drivers!“ Dann kommt noch eine „Ariel“ in original Weltkriegsoutfit angefahren. Unglaublich. Aber ich muss weiter. Es wird spät.
Oysand ist geöffnet. Der freundliche Herr an der Rezeption händigt mir den Schlüssel für meine Hütte aus und zeigt mir auf dem Lageplan wo die ist. Ich hätte mich auf mein Bauchgefühl verlassen sollen: Schon als ich zum Campingplatz abgebogen war wirkte das ganze Areal total unsympathisch auf mich: Die Lage: Mitten in einem Industriegebiet. Unterhalb der E6. Der Platz: Überwiegend staubiger Schotter mit ein paar Grasinseln darin. Die Hütten hinter einer Biegung konnte ich noch nicht erkennen. Sonst hätte ich sofort das Weite gesucht. Nun denn: Ich fahre zur Hütte Nr. 11. Ich habe aus Protest kein Foto davon gemacht. Ein schäbiger Holzschuppen der nicht mal über sowas wie einen kleinen Freisitz verfügt. Ein Unding in Norwegen. Bis zum Waschhaus/WCs sind es gefühlte fünf Kilometer (nein: in Wirklichkeit etwa 150m). Ich schließe die Tür auf und es kommt mir ein stechender Geruch entgegen: So eine Mischung aus Essig, Desinfektionsmittel und Plastikweichmacher. Also geputzt wird hier. Aber eine derart schäbige Ausstattung habe ich noch nie in einer Hütte gesehen: Die Stühle sind ein Sammelsurium von Schulstühlchen verschiedener Größe, der Tisch eine Sperrholzplatte mit aufgeklebtem Papier. Die Betten OK. Decken und Kissen sind aus einem merkwürdigen Material: So eine Mischung aus Kunstfaserwatte und Filz. Federleicht. Aber ich habe ja mein eigenes Zeug. Die Tür kann man nicht schließen. Denn sofort steht man dann in diesem unglaublich scharfen Geruch.
Und etwas Verrücktes: Auf dem Tisch liegt abgepackte Einweg-Bettwäsche aus 100% Polyester. Benutzbar für bis zu fünf mal so die Aufschrift. Wie ich schon sagte: Alles sehr schäbig hier, aber sauber. Und echt ätzend. Ich ärgere mich dass ich nicht bis Flakk gefahren bin und beschließe, mich hier nur so kurz wie möglich aufzuhalten. Ich gehe früh zu Bett und schlafe schnell ein.
Donnerstag, 2. Juni
Heute ist D-Day (Decision Day), genauer D1-Day. Denn es wird noch einen D2-Day geben. Ich habe mir vor Beginn meiner Tour vorgenommen, in Trondheim zu entscheiden ob ich in den Norden fahre. Also den FV17 bis zu den Lofoten. Die Entscheidung wollte ich vom Wetter abhängig machen und das sieht gut aus. Also ist das geklärt. Bis zu den Lofoten geht es auf jeden Fall weiter. Dort wird es dann den D2-Day geben: Die Entscheidung, ob es weiter bis zum Nordkap geht werde ich dort treffen.
Um 6 Uhr bin ich auf den Beinen. Ich packe die Klamotten und will nur weg hier. Der Platz ist total unsympathisch und die Hütte ein Loch. Ich koche nicht mal Kaffee. Ich bin versucht, den Hüttenschlüssel in den Fjord zu werfen, mache das aber nicht sondern liefere ihn brav im Briefkasten der Rezeption ab. Nichts wie weg hier.
Ich werde statt zur Fähre nach Flakk die E6 bis hinter Trondheim fahren. Ich denke in Trondheim habe ich die Chance, irgendwo ein Frühstück zu kriegen. So der Plan. Aber wie das mit Plänen so ist: Kaum auf der E6 stehe ich im Stau. Heftiger Berufsverkehr quält sich entlang einer Baustelle auf Trondheim zu. Kurz entschlossen aktiviere ich den alten Plan, fahre dreist an der langen Autoschlange vorbei und biege im Kreisverkehr auf Richtung Fähre Flakk ab. Wie sich zeigen sollte genau die richtige Entscheidung. Schlagartig bin ich wieder allein auf der Straße. Die Strecke zur Fähre ist gut zu fahren und kurze Zeit später stehe ich am Anleger. Es geht rüber auf die Halbinsel Fosen, nach Roervik. Auf der Fähre gibt es Kaffee. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde.
Das Wetter ist durchwachsen, aber trocken. Ich folge nun dem FV755, immer entlang des Trondheimfjordes der auf die nächsten Kilometer ein ständiger Begleiter zu meiner Rechten ist. Das Spiel von Wolken und Sonne über dem Wasser erzeugt magische Bilder. Es gibt kaum Verkehr und schließlich biegt die Straße ins Landesinnere ab. Und es geht aufwärts. Nein: Nicht wie auf die Fjells im Süden. Aber aufwärts. In die Wolken. Es wird feuchter und kälter, aber alles kein Problem.
Es gibt immer weniger Verkehr. Aber dafür Schafe. Die liegen mit ihren Lämmern, die alle noch ganz klein, niedlich und ziemlich lecker aussehen, auf der Straße. Die scheint wärmer zu sein als das nasse Gras. Man muss sehr aufpassen. Die Tiere kennen keine Angst. Oder sie sind blöd. Jedenfalls machen sie keinerlei Anstalten sich vom Acker zu machen wenn ein Fahrzeug kommt. Man kann ja drumherum fahren. Und genau das erwarten Sie auch.
Irgend wann geht es wieder bergab. Aber nicht in Serpentinen sondern auf langen Geraden mit ordentlich Gefälle. Ich bin dauernd zu schnell. An der Brücke über den Skarnsund mache ich eine kurze Pause und ein Foto.
Dann geht es weiter bis Straumen. Hier biege ich nach links auf den FV761 ab der bald auf die E6 trifft. Der folge ich nur ein paar Kilometer. Denn kurz hinter Steinkjer beginnt der FV17.
Wenn die „Route 66“ der Traum des Harley Fahrers ist, dann ist der „FV17“ der Traum des echten Mopedfahrers. Diese Straße schlängelt sich entlang der Küste hinauf bis kurz vor Bodö und wird durch ettliche Fähren unterbrochen. Ich freue mich darauf. Zunächst geht es nach Namsos. Eine kleine Stadt an der Mündung des bekannten Lachsflusses Namsen. Namsos erlangte traurige Berühmtheit durch seine totale Zerstörung durch die deutsche Luftwaffe 1940. Die Fahrt von Steinkjer nach Namsos ist nett. Aber auch nicht mehr. Kurz vor Namsos dann: In einer Kurve kommt mir ein LKW Fahrer entgegen der mehrmals seine Lichthupe betätigt. Ich rechne mit einer Verkehrskontrolle hinter der Kurve und checke meine Geschwindigkeit. Alles OK. Dann hinter der Kurve der wahre Grund des Blinkens: Keine Verkehrskontrolle sondern ein leibhaftiger Elch. Es gibt sie also wirklich. Die Elchschilder sind doch kein Gag für die Touristen. Das Viech ist riesig. Es trottet über die Straße und als ich langsam näher komme legt es einen Zahn zu und trabt erstaunlich leichtfüßig über eine Wiese davon in den Wald. Für solche Fälle sollte man eine Kamera um den Hals hängen haben. Wie dem auch sei: Eine Kollision mit so einem Trumm wünscht sich wohl niemand. Das Tier wiegt bestimmt soviel wie meine Pan. Und mit Sicherheit mehr als ich. Und sowas treffe ich selten in freier Wildbahn.
Namsos ist nicht besonders reizvoll. Wie im übrigen die meisten norwegischen Städtchen und Dörfer die ich bisher gesehen habe. Ich habe Hunger und besorge mir einen Automatenkaffee und meine erste echte Pølser. Eine gegrilltes Hotdog-Würstchen in Brot. Es gibt verschiedene Brotsorten und Saucen zur Auswahl. Das Teil schmeckt wie es aussieht. Wegen den Dingern muss man nicht nach Norwegen kommen. Aber richtig übel sind sie auch nicht.
Ich schaue mir auf der Karte an wie ich jetzt weiter vorgehe. Ich entscheide mich, den FV17 für‘s erste zu verlassen und dem FV769 bis nach Lund zu folgen, wo ich dann die Fähre nach Hofles nehmen will. Dort sind laut meiner Karte und laut Internet Campingplätze. Ist der FV17 eine Nebenstrecke der E6 so ist der FV769 die Nebenstrecke der Nebenstrecke. Aber wunderbar zu fahren. In Lund stehe ich am Anleger als Nr. 2 in der Schlange direkt hinter einem Wohnwagen mit holländischem Kennzeichen. Das Wetter ist mittlerweile traumhaft: Die Wolken fast ganz verschwunden und es weht nur ein leichter Wind. Ich hole mir einen Kaffee und setze mich auf die Terasse des kleinen Ladens am Anleger. Die Aussicht ist schön. Der Fjord wechselt ständig seine Farbe von fast türkis zu hellblau und wieder zurück. Aber es dauert fast eine Stunde bis ich die Fähre kommen sehe. Diesmal möchte ich die Auffahrt auf die Fähre filmen. Ich mache die Kamera klar und schon geht die Verladung los. Die Mopeds werden meistens ganz links oder ganz rechts neben die regulären Autospuren eingewunken. Auf diese Weise nehmen sie keinem Auto den Platz weg. So ist es auch hier. Freundlich lächelnd zeigt die Einweiserin nach links. Und ich halte mich links. Sie zeigt weiter nach links. Und ich halte mich weiter links. Und noch weiter. Und KrachBummPäng: Ich treffe mit dem linken Aussenspiegel das Geländer des Aufganges zum Aussichtsdeck. Super! Und super peinlich. Die Filmaufnahmen von dem Treffer sind hoffentlich was geworden. Die Aussenspiegel der Pan lassen sich zum Glück recht einfach abnehmen und ebenso einfach wieder aufstecken. Also ist das Malheur innerhalb von ein paar Minuten beseitigt und ich begebe mich auf das Aussichtsdeck. Knapp 40 Minuten später legt die Fähre in Hofles an.
Das dortige „Fjord Camping“ ist eine Niete für mich. N ur wenige Hütten auf einer entfernten Wiese. Nichts für die Pan. Dazu später mehr. Kurz hinter Hofles biege ich auf die RV530 und kurz danach auf die RV770 auf Kolvereid ab. Und dann auf die RV771. Bei Lysfjord will ich wieder auf die FV17 treffen.
Dann sehe ich bei Nausbukta das Schild zum Campingplatz Sildvika. Ich fahre dahin und finde die Lage super. Ich entschließe mich, morgen einen Ruhetag einzulegen und den hier zu verbringen. Die Aussicht hier ist toll und es ist ruhig. Die Hütten sehen gut aus. Eine Rezeption gibt es nicht. Am Waschhaus hängt wie gehabt eine Telefonnummer. Es meldet sich Paul. Er spricht englisch und sagt mir er könne mir nur „High Standard“ für 900NOK die Nacht anbieten. Egal. Ich miete für zwei Nächte. Er weist mir die Hütte Nr. 2 zu. Der Schlüssel liege unter der Fussmatte. Er würde irgendwann vorbeikommen wegen des Kassierens. Ich parke die Pan unterhalb der Hütte. Die Hütte ist toll.
Hier werde ich es bis übermorgen gut haben. Ich hole meine Sachen und richte mich schnell ein. Jetzt noch schnell einkaufen: Heute brauche ich nichts mehr, aber morgen möchte ich frühstücken und am Abend was ordentliches kochen. Ich habe kurz vor der Abbiegung zum Campingplatz einen kleinen Coop gesehen. Ich schwinge mich aufs Moped und fahre dahin. Die Öffnungszeiten des Ladens sind der wüste Traum jeder deutschen Verkäuferin: Montags bis Donnerstags von 10-17 Uhr, Freitags von 10-18 Uhr. Samstags und Sonntags geschlossen. Heute ist Donnerstag. Und es ist 17:39. Mist. Ich hole mein Handy raus. Google Maps sagt der nächste Laden ist in Kolvereid. 15 Km. Na gut. Bin ich wirklich nur 15 Km seit Kolvereid gefahren? Egal. Ich fahre los. Nach 27,4 Km bin ich in Kolvereid und mir wird klar, das Google Maps die Entfernung in Luftlinie angibt. Sowas wie Luftlinie gibt es hier aber nicht. Allenfalls für Möwen. Und ich bin keine Möwe. Also fahre ich für ein paar Brötchen, zwei kleine Nackenkottlets, drei Äpfel und zwei Beutel Kochreis, eine Tube Senf und eine kleine Tube Tomatenmark fast 60km. Ich bin ein Held. Andererseits: Das Fahren macht auf dieser Strecke riesigen Spaß. Und deshalb bin ich ja schließlich auch hier. Erst jetzt bemerke ich so richtig, wie sehr sich die Fahreigenschaften der Pan mit dem Gepäck zum schlechten verändert haben. So ganz ohne zusätzlichen Ballast läuft sie erheblich stabiler und handlicher. Ich beschließe, die Beladung der Pan nochmal zu überdenken. Das Topcase und die Gepäckrolle sind zu schwer beladen, die Koffertaschen zu leicht. Ich werde das ändern.
Kilometerstand 81580:
Zurück an der Hütte begebe ich mich mit einem Calvados aus dem Flachmann auf die Terasse und lese. Die Sonne scheint noch um 22 Uhr. Aber es wird empfindlich kalt und ich gehe rein. Mitternacht liege ich in einem Bett mit richtiger Bettwäsche und schlafe wie ein Stein.

![By VollwertBIT (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons Die Color Magic im Kieler Hafen](https://www.mittelmann.de/norge/wp-content/uploads/2016/05/ColorMagic-300x225.jpg)












































