Donnerstag, 2. Juni
Heute ist D-Day (Decision Day), genauer D1-Day. Denn es wird noch einen D2-Day geben. Ich habe mir vor Beginn meiner Tour vorgenommen, in Trondheim zu entscheiden ob ich in den Norden fahre. Also den FV17 bis zu den Lofoten. Die Entscheidung wollte ich vom Wetter abhängig machen und das sieht gut aus. Also ist das geklärt. Bis zu den Lofoten geht es auf jeden Fall weiter. Dort wird es dann den D2-Day geben: Die Entscheidung, ob es weiter bis zum Nordkap geht werde ich dort treffen.
Um 6 Uhr bin ich auf den Beinen. Ich packe die Klamotten und will nur weg hier. Der Platz ist total unsympathisch und die Hütte ein Loch. Ich koche nicht mal Kaffee. Ich bin versucht, den Hüttenschlüssel in den Fjord zu werfen, mache das aber nicht sondern liefere ihn brav im Briefkasten der Rezeption ab. Nichts wie weg hier.

Anleger in Flakk
Ich werde statt zur Fähre nach Flakk die E6 bis hinter Trondheim fahren. Ich denke in Trondheim habe ich die Chance, irgendwo ein Frühstück zu kriegen. So der Plan. Aber wie das mit Plänen so ist: Kaum auf der E6 stehe ich im Stau. Heftiger Berufsverkehr quält sich entlang einer Baustelle auf Trondheim zu. Kurz entschlossen aktiviere ich den alten Plan, fahre dreist an der langen Autoschlange vorbei und biege im Kreisverkehr auf Richtung Fähre Flakk ab. Wie sich zeigen sollte genau die richtige Entscheidung. Schlagartig bin ich wieder allein auf der Straße. Die Strecke zur Fähre ist gut zu fahren und kurze Zeit später stehe ich am Anleger. Es geht rüber auf die Halbinsel Fosen, nach Roervik. Auf der Fähre gibt es Kaffee. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde.

Kaffeesalon auf der Fähre
Das Wetter ist durchwachsen, aber trocken. Ich folge nun dem FV755, immer entlang des Trondheimfjordes der auf die nächsten Kilometer ein ständiger Begleiter zu meiner Rechten ist. Das Spiel von Wolken und Sonne über dem Wasser erzeugt magische Bilder. Es gibt kaum Verkehr und schließlich biegt die Straße ins Landesinnere ab. Und es geht aufwärts. Nein: Nicht wie auf die Fjells im Süden. Aber aufwärts. In die Wolken. Es wird feuchter und kälter, aber alles kein Problem.

Trondheimfjord
Es gibt immer weniger Verkehr. Aber dafür Schafe. Die liegen mit ihren Lämmern, die alle noch ganz klein, niedlich und ziemlich lecker aussehen, auf der Straße. Die scheint wärmer zu sein als das nasse Gras. Man muss sehr aufpassen. Die Tiere kennen keine Angst. Oder sie sind blöd. Jedenfalls machen sie keinerlei Anstalten sich vom Acker zu machen wenn ein Fahrzeug kommt. Man kann ja drumherum fahren. Und genau das erwarten Sie auch.

Schafe
Irgend wann geht es wieder bergab. Aber nicht in Serpentinen sondern auf langen Geraden mit ordentlich Gefälle. Ich bin dauernd zu schnell. An der Brücke über den Skarnsund mache ich eine kurze Pause und ein Foto.

Brücke über den Skarnsund
Dann geht es weiter bis Straumen. Hier biege ich nach links auf den FV761 ab der bald auf die E6 trifft. Der folge ich nur ein paar Kilometer. Denn kurz hinter Steinkjer beginnt der FV17.
Wenn die „Route 66“ der Traum des Harley Fahrers ist, dann ist der „FV17“ der Traum des echten Mopedfahrers. Diese Straße schlängelt sich entlang der Küste hinauf bis kurz vor Bodö und wird durch ettliche Fähren unterbrochen. Ich freue mich darauf. Zunächst geht es nach Namsos. Eine kleine Stadt an der Mündung des bekannten Lachsflusses Namsen. Namsos erlangte traurige Berühmtheit durch seine totale Zerstörung durch die deutsche Luftwaffe 1940. Die Fahrt von Steinkjer nach Namsos ist nett. Aber auch nicht mehr. Kurz vor Namsos dann: In einer Kurve kommt mir ein LKW Fahrer entgegen der mehrmals seine Lichthupe betätigt. Ich rechne mit einer Verkehrskontrolle hinter der Kurve und checke meine Geschwindigkeit. Alles OK. Dann hinter der Kurve der wahre Grund des Blinkens: Keine Verkehrskontrolle sondern ein leibhaftiger Elch. Es gibt sie also wirklich. Die Elchschilder sind doch kein Gag für die Touristen. Das Viech ist riesig. Es trottet über die Straße und als ich langsam näher komme legt es einen Zahn zu und trabt erstaunlich leichtfüßig über eine Wiese davon in den Wald. Für solche Fälle sollte man eine Kamera um den Hals hängen haben. Wie dem auch sei: Eine Kollision mit so einem Trumm wünscht sich wohl niemand. Das Tier wiegt bestimmt soviel wie meine Pan. Und mit Sicherheit mehr als ich. Und sowas treffe ich selten in freier Wildbahn.

Der Autor in Namsos
Namsos ist nicht besonders reizvoll. Wie im übrigen die meisten norwegischen Städtchen und Dörfer die ich bisher gesehen habe. Ich habe Hunger und besorge mir einen Automatenkaffee und meine erste echte Pølser. Eine gegrilltes Hotdog-Würstchen in Brot. Es gibt verschiedene Brotsorten und Saucen zur Auswahl. Das Teil schmeckt wie es aussieht. Wegen den Dingern muss man nicht nach Norwegen kommen. Aber richtig übel sind sie auch nicht.

Kaffee & Pølse
Ich schaue mir auf der Karte an wie ich jetzt weiter vorgehe. Ich entscheide mich, den FV17 für‘s erste zu verlassen und dem FV769 bis nach Lund zu folgen, wo ich dann die Fähre nach Hofles nehmen will. Dort sind laut meiner Karte und laut Internet Campingplätze. Ist der FV17 eine Nebenstrecke der E6 so ist der FV769 die Nebenstrecke der Nebenstrecke. Aber wunderbar zu fahren. In Lund stehe ich am Anleger als Nr. 2 in der Schlange direkt hinter einem Wohnwagen mit holländischem Kennzeichen. Das Wetter ist mittlerweile traumhaft: Die Wolken fast ganz verschwunden und es weht nur ein leichter Wind. Ich hole mir einen Kaffee und setze mich auf die Terasse des kleinen Ladens am Anleger. Die Aussicht ist schön. Der Fjord wechselt ständig seine Farbe von fast türkis zu hellblau und wieder zurück. Aber es dauert fast eine Stunde bis ich die Fähre kommen sehe. Diesmal möchte ich die Auffahrt auf die Fähre filmen. Ich mache die Kamera klar und schon geht die Verladung los. Die Mopeds werden meistens ganz links oder ganz rechts neben die regulären Autospuren eingewunken. Auf diese Weise nehmen sie keinem Auto den Platz weg. So ist es auch hier. Freundlich lächelnd zeigt die Einweiserin nach links. Und ich halte mich links. Sie zeigt weiter nach links. Und ich halte mich weiter links. Und noch weiter. Und KrachBummPäng: Ich treffe mit dem linken Aussenspiegel das Geländer des Aufganges zum Aussichtsdeck. Super! Und super peinlich. Die Filmaufnahmen von dem Treffer sind hoffentlich was geworden. Die Aussenspiegel der Pan lassen sich zum Glück recht einfach abnehmen und ebenso einfach wieder aufstecken. Also ist das Malheur innerhalb von ein paar Minuten beseitigt und ich begebe mich auf das Aussichtsdeck. Knapp 40 Minuten später legt die Fähre in Hofles an.



Landschaften an der Küste. Es ist wunderschön hier.
Das dortige „Fjord Camping“ ist eine Niete für mich. N ur wenige Hütten auf einer entfernten Wiese. Nichts für die Pan. Dazu später mehr. Kurz hinter Hofles biege ich auf die RV530 und kurz danach auf die RV770 auf Kolvereid ab. Und dann auf die RV771. Bei Lysfjord will ich wieder auf die FV17 treffen.
Dann sehe ich bei Nausbukta das Schild zum Campingplatz Sildvika. Ich fahre dahin und finde die Lage super. Ich entschließe mich, morgen einen Ruhetag einzulegen und den hier zu verbringen. Die Aussicht hier ist toll und es ist ruhig. Die Hütten sehen gut aus. Eine Rezeption gibt es nicht. Am Waschhaus hängt wie gehabt eine Telefonnummer. Es meldet sich Paul. Er spricht englisch und sagt mir er könne mir nur „High Standard“ für 900NOK die Nacht anbieten. Egal. Ich miete für zwei Nächte. Er weist mir die Hütte Nr. 2 zu. Der Schlüssel liege unter der Fussmatte. Er würde irgendwann vorbeikommen wegen des Kassierens. Ich parke die Pan unterhalb der Hütte. Die Hütte ist toll.




Bilder der Hütte und Ausblick von der Terasse
Hier werde ich es bis übermorgen gut haben. Ich hole meine Sachen und richte mich schnell ein. Jetzt noch schnell einkaufen: Heute brauche ich nichts mehr, aber morgen möchte ich frühstücken und am Abend was ordentliches kochen. Ich habe kurz vor der Abbiegung zum Campingplatz einen kleinen Coop gesehen. Ich schwinge mich aufs Moped und fahre dahin. Die Öffnungszeiten des Ladens sind der wüste Traum jeder deutschen Verkäuferin: Montags bis Donnerstags von 10-17 Uhr, Freitags von 10-18 Uhr. Samstags und Sonntags geschlossen. Heute ist Donnerstag. Und es ist 17:39. Mist. Ich hole mein Handy raus. Google Maps sagt der nächste Laden ist in Kolvereid. 15 Km. Na gut. Bin ich wirklich nur 15 Km seit Kolvereid gefahren? Egal. Ich fahre los. Nach 27,4 Km bin ich in Kolvereid und mir wird klar, das Google Maps die Entfernung in Luftlinie angibt. Sowas wie Luftlinie gibt es hier aber nicht. Allenfalls für Möwen. Und ich bin keine Möwe. Also fahre ich für ein paar Brötchen, zwei kleine Nackenkottlets, drei Äpfel und zwei Beutel Kochreis, eine Tube Senf und eine kleine Tube Tomatenmark fast 60km. Ich bin ein Held. Andererseits: Das Fahren macht auf dieser Strecke riesigen Spaß. Und deshalb bin ich ja schließlich auch hier. Erst jetzt bemerke ich so richtig, wie sehr sich die Fahreigenschaften der Pan mit dem Gepäck zum schlechten verändert haben. So ganz ohne zusätzlichen Ballast läuft sie erheblich stabiler und handlicher. Ich beschließe, die Beladung der Pan nochmal zu überdenken. Das Topcase und die Gepäckrolle sind zu schwer beladen, die Koffertaschen zu leicht. Ich werde das ändern.

Ihr müsst hier ganz stark sein: Die Bierpreise im Supermarkt.
Kilometerstand 81580:
Zurück an der Hütte begebe ich mich mit einem Calvados aus dem Flachmann auf die Terasse und lese. Die Sonne scheint noch um 22 Uhr. Aber es wird empfindlich kalt und ich gehe rein. Mitternacht liege ich in einem Bett mit richtiger Bettwäsche und schlafe wie ein Stein.