Wie üblich bin ich früh am Start. Da ich ja noch eine ausgiebige Abendtour zum Supermarkt gemacht hatte, gibt es jetzt ein ausgiebiges Frühstück. Und ich koche noch genügend Kaffee um die Thermoskanne zu füllen. Mein Zeltplatz befand sich in einem Waldstück am hinteren Ende des Platzes und das Zelt und der Footprint sind komplett trocken. Während des Frühstücks habe ich den Schlafsack noch auslüften lassen und dann packe ich mein Zeug zusammen. Der Tag verspricht wieder super zu werden. Die Sonne scheint und es ist kein Wölkchen zu sehen. Heute wird es spektakulär werden. Sehr spektakulär. Ich freue mich auf eine super Tour und starte gegen 9 Uhr. Zeitgleich machen sich viele andere Camper auf den Weg. Vans, Womos, Mopeds, Fahrräder. Und der ganz normale Berufsverkehr. So schön die Umgebung ist, so sehr nervt der Betrieb. Auch gestern schon. Am Columbiere und Roselend ging es zu wie auf dem Schützenfest. Wie immer, wenn ich in solche Touristenhorden hineinfahre frustriert mich das. Natürlich ärgere ich mich auch über mich selbst. Denn ich bin ja selber Tourist und Teil der Horde. Ich werde zu dem Thema noch mal einen eigenen Beitrag schreiben. Jetzt aber fahre ich erstmal mit der Karawane. Nach und nach wird der Verkehr etwas dünner. Bald sehe ich rechts von mir die Isère. Den Fluss der diesem Departement und dem bekannten Wintersportort Val-d’Isère seinen Namen gibt. Dieser Fluss wird mich jetzt eine ganze Weile begleiten. Auch in Form von zwei Stauseen die sich in die spektakuläre Alpenlandschaft ganz wunderbar einfügen. Natürlich weiß ich nicht, ob diese Täler nicht schöner waren bevor der Mensch sie so massiv verändert hat.
Als ich in Val-d’Isère ankomme, ist der Berufsverkehr weitgehend verschwunden. Es bleiben die Schwärme von Radfahrern, Motorradfahrern und Womos. Und der Ort selbst ist für mich ein ganz besonders übles Beispiel für die Art von Touristenhölle in der sich eine bestimmte Klientel vermutlich äußerst wohl fühlt. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Jetzt hält sich der Betrieb in Grenzen. Die Fensterläden zahlloser Chalets und Hotels sind geschlossen. Es ist natürlich keine Saison. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es hier auf dem Höhepunkt der Wintersportsaison zugehen mag. Seit längerer zeit geht es beständig bergauf und es wird kühler. Das ist sehr angenehm. Das Panorama ist der Hammer. Ich kann verstehen, warum es so viele Menschen hier her zieht.
An der „Brücke des heiligen Karl“ gibt es einen großen Parkplatz. Hier beginnt auch der letzte und spektakulärste Abschnitt des Aufstieges zum „Col de l’Iseran“, dem höchsten befahrbaren Alpenpass.


Nach der ausgiebigen Pause am Pont St. Charles mache ich mich an den Aufstieg. Ober besser: Ich sitze komfortabel auf dem Moped, dass hier wirklich ackern muss. Was soll ich sagen: Die Aussicht ist spektakulär und an manchen Stellen dieses Abschnittes zieht sich mein Magen zusammen und eine innere Stimme dringt beharrlich auf mich ein: „Lass es! Weg hier! Fahr ins Sauerland!“. Oder so ähnlich. Ich hatte mal geschrieben, dass ich tatsächlich sowas wie Höhenangst habe. Das war damals am Trollstigen. Das hier ist aber nochmal eine andere Nummer. Ogottogott. Was mache ich hier? Irgendwann bin ich oben. Aber die Fotos die ich gemacht habe täuschen. Ich musste lange Anstehen um das Foto vom gemauerten Makierungsstein der Passhöhe zu machen. In langen Schlangen standen die Rad- und Mopedfahrer an. Ein französischer Mopedfahrer bietet mir an, mich zu mit meiner Guzzi vor dem Schild zu fotografieren. Ich lehne dankend ab aber biete ihm meinerseits das gleiche an. Er nimmt dankend an und so bin ich dabei behilflich, dem Mann ein Paar Erinnerungen für den Rest seines Lebens zu verschaffen. Ich schaue mir das Treiben auf dem Pass noch etwas an. Manche der Radfahrer die oben ankommen sehen wirklich glücklich aus. Andere scheinen halbtot zu sein und fallen fast vom Rad. Ich respektiere diese Sportler sehr. Ich bin stundenlang mit dem Motorrad bergauf gefahren seit ich heute morgen am Campingplatz gestartet bin. Die Radfahrer die heute morgen mit mir zusammen losgefahren sind, werden wohl erst morgen Nachmittag hier sein. Und das nach aberwitzig langen Steigungen.
Was mir noch auffällt: Anders als ich es als in Südtirol oft beobachten konnte, fahren die Radfahrer hier den Pass nicht herunter. Ich habe wirklich keinen einzigen Radfahrer den Col de l’Iseran abwärts fahren sehen. Die haben alle oben auf der Passhöhe ihre Räder auf Autos und Anhängern verstaut. So sehr ich die Leistung respektiere solche Pässe mit dem Fahrrad zu bezwingen, so sehr nehme ich diese wahnsinnigen Abfahrten mit dem Fahrrad voller Unverständnis zur Kenntnis. Was ich da in den italienischen und österreichischen schon Alpen gesehen habe, lässt jedem vernunftbegabten Wesen die Haare zu Berge stehen. Sofern noch Haare vorhanden sind. Mit wahnwitzigem Tempo auf drittklassigen Straßen mit vergleichsweise schwachem Material solche Pässe bergab zu fahren: Ich halte das für Irrsinn. Ich glaube nicht daran, dass eine solche Abfahrt mit dem Rennrad wirklich kontrollierbar ist. Naja: Wie dem auch sei. Ich stehe jetzt da oben auf dem Pass. Mein Nervenkostüm hat sich beruhigt aber ich muss ja hier auch wieder runter. Keine schöne Vorstellung. Aber wat mutt dat mutt. Also starte ich wieder und glücklicherweise erweist sich die Südseite für mich als deutlich weniger nervenaufreibend als der Aufstieg über die nördliche Zufahrt.
Über tolle Straßen mit immer noch viel Touristenverkehr geht es weiter. Bei Bessans stosse ich auf die Arc, die mich jetzt mal links und mal rechts der Straße begleitet. Bei Maurienne überquere ich den Fluss ein letztes mal und nehme Kurs auf den Col du Galibier. Ein weiterer der sehr hohen Pässe. Den werde ich aber erst morgen fahren. Zunächst erreiche ich den „Col du Télégraphe“ der zwar wunderbar gelegen aber bei weitem nicht so spektakulär wie die letzten Pässe ist. Dahinter liegt mein Tagesziel: Der Ort Valloire. Auch dieser ist ein Wintersportzentrum. Es ist noch relativ früh und zunächst denke ich, dass ich den Galibier doch heute noch fahren werde. Aber dann beschließe ich, es heute mal krachen zu lassen. Die letzten Tage waren wirklich anstrengend und ich möchte mal wieder in einem richtigen Bett schlafen. Und was nettes Essen und trinken. Also suche ich mir mit Google Maps ein Hotel und ich finde auch eins. Im Hôtel Aiguille Noire werde ich freundlich empfangen und kann mein Motorrad in einer Garage parken. Das Zimmer ist sehr gut und vom Balkon habe ich eine tolle Aussicht. Ich freue mich sehr darauf, heute Nacht in einem richtigen Bett zu schlafen. Nach einem nicht weiter erwähnenswerten Abendessen in einer Pizzeria um die Ecke – es war weder gut noch schlecht – verbringe ich einen Teil des Abends noch mit zwei anderen Motorradfahrern aus Deutschland die auf der gleichen Route wie ich unterwegs sind, aber aus der Gegenrichtung kommen. Früh verabschiede ich mich und setze mich noch etwas auf den Balkon. Der Abend ist Kühl hier auf knapp 1.500m aber der Sternenhimmel ist fantastisch. Obwohl ich hier mitten im Ort bin.
Das Bett ist superbequem. Aber nach einigen Tagen auf der Matte – die eigentlich recht komfortabel ist – würde ich das von jedem Bett behaupten.
Ich denke darüber nach, ob ich die „Route des Grandes Alpes“ wirklich komplett befahren will. Ja. Es ist wirklich schön hier. Aber eben auch so sehr touristisch dass es mir nicht wirklich gefällt. Aber andererseits bin ich jetzt nun mal hier. Als Augen zu und durch? Ich werde das morgen entscheiden.

Ein gutes Zimmer und ein brauchbares Frühstück. Und eine Garage für die Guzzi. Alles bestens.