Früh habe ich meinen Kram gepackt. Und um kurz nach acht sitze ich wieder auf der Guzzi. Nach ein paar Kilometern bin ich in Frankreich. An der Grenze haben die hier tatsächlich ein Denkmal für all‘ die Zöllner errichtet, die über Generationen an diesem Grenzübergang ihren Dienst versehen haben. Irgendwie nett. Wer baut schon Denkmäler für Zöllner.
Ich mogle zunächst wieder und nehme in Frankreich den einen oder anderen Autobahnkilometer. Das Mautsystem dort nervt. Es ist nicht wirklich teuer mit dem Motorrad. Aber nervig. Zumal ich auf einem Abschnitt noch das Problem hatte dass der Automat am Ende der Strecke mein Ticket nicht fressen wollte. Irgendwann habe ich dann den „Hilfe“ Schalter gedrückt und nach einer längeren automatischen Ansage auf französisch meldete sich über den Lautsprecher eine Dame die aber des englischen nicht mächtig war, Sie gab sich Mühe, aber sie konnte es nicht. Für mich vermutlich ein Vorteil. Offensichtlich genervt öffnete sie ohne jeden weiteren Kommentar per Fernauslösung die Schranke und ich fuhr ohne Zahlung durch. Ich glaube, es wären nicht mal drei Euro gewesen. Egal.
Bald bin ich im Elsass und hier wird es schön. Fantastische Strecken, schöne Dörfer und das alles bei wunderbarem Wetter. Allerdings wird es jetzt am Nachmittag schon unangenehm heiß. Gegen 16 Uhr habe ich 30 Grad. Zum Glück geht es immer wieder rauf in die Berge und durch schattige Wälder. Und ich mache ausgiebige Pausen.
Diese Gegend allein ist eine eigene Tour wert. Beim Col de Bussang erreiche ich den Elsass und die Moselquelle. Hier war ich vor vielen Jahren schon mal. Kurz vor Bussang finde ich einen Campingplatz. Der war nicht meine erste Wahl, aber die Rezeption des Municipals den ich mir ausgeguckt hatte, ist bereits ab 17 Uhr nicht mehr besetzt. Und es war fast 17:10 Uhr. Eigentlich ein Unding. Aber so ist das mit öffentlichen Einrichtungen wohl überall.
Ich fahre einen großen Platz an. Es ist die Art von Campingplatz die ich wirklich hasse. Sunelia Domaine de Champé. Eine Urlaubsmaschine aus dem Horrormärchen. Riesig. Mit allen Einrichtungen die sich Camper heutzutage anscheinend wünschen. Eingebettet in einer wunderschönen Umgebung macht sich hier das Grauen breit. Der Platz ist groß, voll, hässlich und sauteuer. Die Dame am Counter ist freundlich professionell und erklärt mir wo mein Platz sei. Ich habe die Nummer 22. So etwas wie eine Zeltwiese haben die nicht. Hier ist alles ordentlich. Ordentlich parzelliert wie ein Friedhof. Nun denn. Sie habe mich neben einen weiteren Motorradfahrer gestellt, der eben eingetroffen sei erklärt sie. „Maybe you become friends“ sagt sie lachend. Nun denn: Bewaffnet mit einem kleinen Kärtchen auf dem der Lageplan des Campingplatzes abgebildet ist, mache ich mich auf die Suche nach Platz 22. Den finde ich nicht. Die Parzellen werden säuberlich bis 21 (eine mickrige Parzelle an einer Gabelung) hochgezählt, dann geht es nach dem nächsten Abzweig mit 50er Nummern weiter. Nach der zweiten vergeblichen Runde fahre ich wieder zur Rezeption. Aber ich bin noch nicht ganz da, als mir ein winkender Mann auf einem Fahrrad entgegen kommt. Ich solle ihm folgen. Man hat wohl meine erfolglosen Runden auf dem Platz beobachtet. Ich folge dem Mann, und am Ende eines Labyrinthes von kleinen Wegen mit durch Hecken unterteilte Parzellen weist er auf einen Platz direkt an einem Waschhaus. Den hätte ich nie gefunden. Es gibt dort zwei Parzellen. Die 22 und daneben die 37. Was für ein System. Ich bedanke mich bei dem Platzanweiser und beginne, meinen Kram abzuladen. Kurz drauf taucht der Einweiser wieder auf. Diesmal mit dem anderen Motorradfahrer im Schlepptau. Der irrte ebenfalls schon seit geraumer Zeit über den Platz ohne seine Parzelle – die 37 natürlich – zu finden.
Wer immer diese „Nummerierung“ ausgeheckt hat: Er oder sie möge sich bei mir melden. Wie man auf die schnelle System in so ein Chaos bringt könnte ich dieser Person schon beibringen. Wie dem auch sei: Der andere Mopedfahrer ist auch deutscher. Er kommt daher wo ich hin will und ist jetzt auf dem Heimweg. Ins schöne Frankenland. Peter heißt er und er fährt eine 650er Versys. Er hatte wie ich vergeblich versucht, an dem Municipal einen Platz zu bekommen. Und seine Meinung zu diesem Platz hier deckt sich mit der meinen. Ich baue auf und koche Kaffee für uns beide. Er kocht Nudeln. Zusammen essen wir was und trinken Kaffee. Er erzählt mir von seiner Tour und er gibt mir ein paar Tipps. Dann aber wird er politisch. Und ich bemerke, dass unsere Schnittmenge auf dem Gebiet gelinde gesagt klein ist. Etwas unwirsch fordere ich ihn auf, seine schlecht durchdachte rechte Polemik für sich zu behalten da wir uns ansonsten vermutlich heftig streiten würden. Erstaunt und fragend blickt er mich an. Und er sagt, dass er sich überhaupt nicht vorstellen könne, warum ein offensichtlich ganz vernünftiger Kerl wie ich einer wäre was gegen seine Äußerungen haben könnte. Ich solle mich doch nur mal umsehen in Deutschland um festzustellen, dass durch die ganzen Ausländer das Land den Bach runtergehe. Und dass wir jetzt noch der Ukraine helfen wäre doch der größte Blödsinn. Erstens ginge uns die Sache nichts an und zweitens habe die Nato dem Putin doch gar keine andere Wahl gelassen. Es sei ja wohl klar, dass die etablierten Parteien alles gegen die Wand gefahren haben und dass es Zeit wäre, dass sich die Dinge ändern würden. Ich frage ihn nicht was er damit meint. Ich breche das Gespräch ab und verabschiede ihn freundlich von meiner Parzelle. Schade. Eigentlich ist der Typ ein ganz netter Kerl. Bald darauf liege ich auf der Matte und schlafe schnell ein. Es war ein langer, anstrengender Tag. Davon sollten noch einige folgen.



