Wir sind um sechs Uhr früh auf. Es wird Kaffee gekocht was ewig dauert. Das packen dauer auch ewig und ich brauche besonders lange. Dauernd habe ich irgendwelchen Kleinkram verlegt, alles nehme ich dreimal in die Hand, kurz: Es läuft nicht. Was aber läuft ist der Abbau meines Zeltes. ich fange zeitgleich mit unseren Nachbarn an. Die bauen zu zweit ein sogenanntes Sekunden- oder Popupzelt ab. Und ohne mich sonderlich zu sputen bin ich mit meinem Helsport fertig als die noch dabei sind, ihr ach so praktisches Teil in den riesigen Packsack zu murksen. Mein Zelt hat bei gleicher Größe – na gut, es ist niedriger – maximal ein Drittel des Packmaßes. Ich gebe ja zu, dass ich etwas in mich reingegrinst habe. Aber ich gebe auch zu, das die mit ihrem Ungetüm beim Aufbauen wohl um einiges schneller sind als ich. Wie dem auch sei: Martin wartet schon lange auf mich und um 9:30 geht es endlich los. Die Fahrt führt uns zunächst um die 60Km auf dem Weg zurück den wir gekommen sind. Dann biegen wir ab nach Norden Richtung Molde. Die E39 entlang. Das Tagesziel ist ja, dem beginn des FV17 so nahe wie möglich zu kommen. Und das ohne die berüchtigte E6 zu fahren. Die Strecke ist toll, so wie alle Strecken im Süden und Westen von Norwegen toll sind. Hier kann man abbiegen wo man will: Man landet immer auf einer Traumstraße. Da wir nicht gefrühstückt hatten, gönnen wir uns an bei einem Tankstop unsere erste norwegische Pölser. So ähnlich wie ein Hotdog. Mit verschiedenen Saucen die man auswählen kann. Dazu hole ich mir noch ein Rosinenbrlötchen und eine Zimtschnecke während Martin sich für irgendwas mit Vanillepudding entscheidet. Weiter geht es bis zur Fähre. Das sind aber noch zwei Stunden. Diese Fähstrecke bin ich Anfang der 90er schonmal gefahren. Damals hatten ich mit einer größeren Truppe in der Nähe ein Anglerhaus bei Fiksdal für eine Angeltour gemietet. Auf der Fähre dann (die gleichen Ferrypay Probleme wie vorher) nehmen wir ein Getränk, das von der Farbe her an Kaffee erinnert und uns als solcher vekauft wird. Schmecken tut das Gebräu aber nach etwas, was ich noch nie vorher geschmeckt habe. Und es schmeckt nicht gut. Wir entsorgen beide die Hälfte von dem Gebräu. In Molde angekommen, wollen wir was essen. Wir entscheiden uns für einen Laden namens „Big Bite“. Das ist so ein SubWay Verschnitt. Wir nehmen beide ein großes Roastbeef Sandwich da das Pastrami dass ich eigentlich haben wollte ausgegangen war. Dazu eine Cola. Hat alles gut geschmeckt und satt und aufgewärmt geht es weiter. Die E39 entlang.

Die Atlantikstraße und Kristiansund lassen wir aus. Wir fahren Richtung Trondheim. Mein N-COM macht Probleme. Drecksteil. Gestern hat Martin mich teilweise nur sehr leise gehört, jetzt hört er mich überhaupt nicht mehr. Und ich habe oft nur auf dem rechten Lautsprecher einen Ton. Mein erstes N-COM hat sieben Jahre gehalten, mein Zweites noch zweieinhalb, das Dritte jetzt nichtmal eineinhalb Jahre. Zum kot**en. Wir können uns nicht mehr unterhalten. Auf so einer langen Tour ist das Mist. Aber im Augenblick können wir nichts tun. Das Wetter wir immer schlechter. Und nach einiger Zeit ist es schlechter als schlecht.Vier Grad und Regen. Und noch mehr Regen. Kalt. Nass. Schei***. Wir leiden. Auf diesem Streckenabschnitt gibt es kaum Campingplätze. Genaugenommen keine. Oder ganz genau gesagt: Einen. Ein übler Flecken. Ein Hotel/Motel/Restaurant mit Campingwiese. Wir sind nass, durchgefroren und fix und fertig. Wir haben keine Wahl. Wir müssen da übernachten. Denn danach kommt die nächsten ein bis eieinhalb Stunden nichts mehr. Also stiefeln wir in die Rezeption. Ein freundlicher junger Mann bietet uns ein unverschämt teures Motelzimmer an. Wir fragen, ob wir eine Übenachtungsmöglichkeit buchen können ohne den Laden zu kaufen und er findet was. Wäre „small and one bed only“ Und wir nehmen das Ding. Auch teuer, aber noch erschwinglich. Er erklärt uns, wo das Hüttchen zu finden ist und wir machen uns auf den Weg. Schnell haben wir das Ding gefunden, stellen die Mopeds ab und dann erstmal rein in die gute Stube. Aber das ist keine gute Stube. Das ist eine Hundehütte mit Doppelbett drin. In der Ecke ist ein Fernseher angeschraubt an dem man sich dauernd den Kopf stösst und es stehen ein Tischchen und zwei Stühlchen vor dem Bett. Die wurden vermutlich im nächstgelegenen Kindergarten aus einem Puppenhaus entwendet. Sie sind winzig. Aber die Hundehütte ist geheizt und trocken. Die Heizung steht auf 18 Grad. Die setzen wir erstmal auf das Maximum von 25 Grad. So wird mit der Zeit eine Temperatur in dem Bauwerk erreicht, die auch Nicht-Polarbären das Überleben ermöglicht.
Jetzt halten wir Kriegsrat. Die letzten Stunden haben uns an unsere Grenzen gebracht. Natürlich nicht an echte physische Grenzen, aber an die Grenze dessen, was wir bereit sind im Urlaub auszuhalten. Denn das ganze Unternehmen soll ja auch noch Freude machen. Aber so kommt keine Freude auf. Wer sich an meinen Blog von der 2016er Tour erinnern kann, weiss sicher noch wie ich damals über die Kälte geneckert habe. Diese Tour ist kälter. Es ist immer kalt. Richtig kalt. Und jetzt ist es auch noch nass. Richtig nass. Wir checken die Wetterkarten. Mehrere Dienste melden für die nächsten tage Dreckswetter am Fv17, unserer Wunschroute. Wir beschließen, hier abzubrechen und wieder in den Süden zu fahren. Dort gibt es etwas angenehmere Temeraturen und die Sonne scheint dort. Das wäre also geklärt. Das „Cape To Cape“ im Tour-Motto haben wir ja strenggenommen schon geschafft. Vom Südkap zum Westkap. Niemand hat behauptet wir hätten eigentlich das Nordkap damit gemeint. Haben wir auch ganz sicher nicht. Nordkap, pah! Fv17? Pah. Morgen geht es in den sonnigen Süden. Latürnich!!!!
Mit diesem Wissen legen wir uns ins gemeinsame Bett, versprechen uns gegenseitig uns anständig zu benehmen, drehen uns den Rücken zu und schlafen bald ein. Wir tragen beide Ohrenstölpsel. Dabei bin ich doch ein schnarchfreier Single und nur Martin schnarcht. Da bin ich mir ganz sicher.
Ist damit der Norden für uns erledigt? Wir werden sehen.