Die Nacht war gut. Wir haben eine ordentliche Hütte zu einem guten Preis bekommen. Zelten hätte keinen Sinn gemacht. Wir haben einen wunderbaren Ausblick auf die umgebenden Felsformationen und einem Wasserfall. Am Abend sitzen wir auf der kleinen Terasse vor der Hütte, quatschen und hören etwas Musik. Es sind nur wenige Gäöste auf dem Platz. Ein paar verstreute Wohnmobile , eine junge Familie mit einem sehr drolligen kleinen Kind in einer etwas entfernteren Hütte. Und ein deutsches Rentnerehepaar in der Hütte nebenan. Den Rentner können wir am nächsten Morgen bei der deutschesten aller Tätigkeiten beobachten: Er wäscht sein Auto. Der Manager des Campingplatzes kommt noch vorbei und kassiert. Da ich rauchend dort sitze und bereits zwei meiner Kippen auf dem Boden liegen schaut er mich scharf an. Ich versichere ihm, dass wir natürlich keinerlei Müll zurücklassen und natürlich auch keine Kippen. Er grinst und droht, dass er uns in der Nacht die Reifen zerstechen würde wenn er noch Müll von uns fände…

Am Morgen wird kurz aufgeräumt und gefühstückt. Wir sitzen mit dem Kaffee auf der Terasse und der Manager kommt vorbei. Demonstrativ sucht er – wieder mit einem breiten Grinsen im Gesicht – den Rasen vor der Hütte nach Kippen ab. Ich sage mit ordentlichem Nachdruck in der Stimme: „You will find not a single one.“ Es sagt lachend „Well done“ und wünscht uns eine gute Fahrt. Wir starten. Der Himmel ist blau, aber es ist frisch. Wir fahren in Richtung Haukeli. Ich hätte eine ander Strecke präferiert, aber Martin muss erst noch etwas Routine gewinnen. Also nehmen wir die einfache Strecke. Das ist kein Opfer. Je näher wir Haukeli kommen, desto höher geht es. Hier ist Skigebiet. Wir sehen halb zugefrorene und komplett zugefrorene Seen, die Schneefelder reichen bis an die Straße.

Heute führt Martin uns an. Die Fahrt verläuft gut und bald biegen wir in Haukeli nach Westen ab. Auf dem Haukelifjell ist es kalt. Lange kalte Tunnel und jede Menge Schnee. Die Aussichten sind atemberaubend. Dann unser erster „Foelg Meg“ an einer Tunnelbaustelle. Durch den Tunnel dürfen nur LKWs, PKWs und Mopeds müssen dem „Foelg Meg“ über die alte Pass-Straße Folgen. Etwas eng, etwas steil, und Martin jammert. Aber er meistert das problemlos und nach wenigen Kilometern sind wir wieder auf der Hauptstrecke. Jetzt gibt es nochmal viel Schnee und viel Panorama. Dann geht es abwärts. Vorbei an wunderbaren Seen und grüner Landschaft. Die Sonne scheint und es wird wärmer. Bei einem Tankstopp genehmigen wir uns eine längere Pause und setzen uns mit einem Kaffee in die Sonne. Herrlich. Bald danach stoßen wir auf die Straße nach Odda und machen einen Halt am Latefossen. Ein gewaltiger Wasserfall direkt an der Straße. Wir machen ein paar Fotos und weiter geht es.

Dann geht es runter zum Hardangerfjord. Weiter entlang des Fjordes. Bei tollem Wetter. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir falsch fahren. Meine geplante Route verläuft anders als das Routing von Martins Navi es vorgibt. Ich wäre die Ostseite des Fjordes entlang gefahren und hätte den Fjord über die „Hardangerbrua“ überquert. Das Navi lotst uns entlang der Westseite zu einer Fähre. Nun gut.
Und jetzt wir es komisch: „Ferrypay“ oder die modernen Zeiten sind doof.
Um Gebühren zu sparen, haben wir bei „Ferrypay“ jeder ein Konto angelegt. Mit unserer Kreditkarte und unserem Kennzeichen. Denn angeblich kann man auf Fähren nicht mehr direkt bezahlen und ohne „Ferrypay“ bekommt man für jede Überfahrt eine Abrechnung mit Gebühren, die den Fährpreis teilweise deutlich übersteigen. So werden nur die Kennzeichen gescannt und die Transaktion läuft automatisch. Angeblich. An der ersten Fähre meckert der Scanner über Martins Motorrad und meines wird akzeptiert. Martin zahlt mit Kreditkarte was angeblich nicht geht… 40 NOK kostet die Fahrt auf die Nordseite des Hardangerfjordes. An den nächsten Fähren war es umgekehrt. Martins Moped wurde erkannt, meines nicht und ich zahlte mit Kreditkarte.
Was sich noch mit den Fähren geändert hat seit meiner letzten Tour: Bis auf eine Fähre waren alle die wir bisher genommen haben elektrifiziert. Kein Motorendröhnen mehr und keine schwarze Rauchfahne über den Fähren. Und an den Anlegern riesige Ladestationen mit der Aufschrift „Ferry Charge“. Auf der Fähre halten wir einen Schwatz mit einem älteren Womo Paar. Sie erzählte uns, dass im Womo hinter ihnen ihre Freundin säße. Die würde sich nicht gut fühlen. Sie hätte nämlich in Tunneln und auf Fähren furchtbare angst. Ich bemerke, dass sie dann ja goldrichtig wäre hier in Fjordnorwegen. Lauter Fähren und Tunnel… Wir lachen beide.
Nach der Fjordüberquerung zieht sich die Straße wieder hinauf auf ein Fjell. Steile Serpentinen aber eine gute und breite Straße. Martin jammert. Aber er macht das prima und so nach und nach findet er sogar Gefallen an der Kurverei. Das soll ich aber keinem verraten, sagt er. Er hätte einen Ruf zu verlieren, sagt er. Also erzählt es nicht weiter. Ich behalte es auch für mich.

Wir fahren wir kilometerweit durch den Schnee. Es ist kalt. Klar. Bald geht es wieder abwärts und wir haben eine gigantische Aussicht auf den Sognefjord. Kurz vor dem Fjord machen wir einen Stop an der Stabkirche von Hopperstad. Die Besichtigung schenken wir uns und wir schauen uns die (nicht komplett originale) Stabkirche nur von aussen an. Jetzt machen wir uns auf die Suche nach einem Campingplatz. In Djuvik, kurz vor der nächsten Fähre finden wir einen Platz mit günstigen Hütten. Für diesen Preisunterschied müssen wir auch hier nicht Zelten. Die Hütte ist gut. Die sanitären Anlagen sind gut und es gibt einen Herd, einen Wasserkocher und eine Kaffeemaschine. Die 450 NOK sind dafür sehr angemessen. Nach einem einfachen Abendessen sitzen wir noch etwas vor der Hütte mit Blick auf den Fjord und schauen bei durchwachsenem Wetter ein paar Schiffen hinterher. Und wir planen die Strecke für den nächsten Tag. Martin möchte zum Westkap. Da bin ich vor fast genau 40 Jahren schon einmal gewesen. Ich gebe die Route ins Handy ein und verschwinden wir ins Bett. Vollgepumpt mit tollen Eindrücken aber müde von der Fahrt sind wir beide ruckzuck eingeschlafen.
