Samstag, 4. Juni

Bin gestern spät bzw. früh heute morgen in’s Bett gegangen. Und ich schlafe unruhig. Ich werde mehrmals wach und habe wirre Träume über die ich hier nichts berichten möchte. Den Wecker hatte ich mir auf 7:30 gestellt, bin aber um 6:30 schon munter. Ich koche mir einen Kaffee. Frühstück mache ich mir keins. Obwohl ich alle notwendigen Zutaten da habe. Ich habe einfach keinen Appeteit. Meine Abfahrt habe ich gestern schon weitgehend vorbereitet. Ich habe fast alles gepackt und auch die Gewichtsoptimierung vorgenommen. Jetzt noch ein paar Kleingkeiten verstaut, die Hütte rein gemacht und es geht los.Schnell bin ich am FV17. Auf dem bleibe ich jetzt bis Bodö. Das sind von hier noch gut 450 Kilometer. Immer die Küste entlang. Ich muß mir vorläufig keine Strassennummern mehr merken. Das Wetter ist durchwachsen. Mal nieselt es, mal kommen ein paar Sonnenstrahlen durch. Aber es ist recht kühl: Nur 7 Grad. Nach ein paar Kilometern stehe ich am ersten Fähranleger für heute.

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Mit den Namen der einzelnen Abfahrts- und Ankunftsorte verschone ich euch. Wer das genauer wissen will kriegt das mit „Google Maps“ problemlos raus. Nur soviel: Ich werde heute vier Fähren benutzen (müssen). Das kostet Zeit. Es ist Vorsaison und der Fahrplan ist noch recht ausgedünnt. Hier an der ersten Fähre stehe ich nun und es regnet. Zum Glück nicht heftig und es hört auch bald auf. Ich warte eine halbe Stunde. Dann geht es los. Derweil ist die Sonne herausgekommen und macht die Passage zu einem tollen Erlebnis. Dann runter vom Schiff und es folgen einige wunderbare Straßenkilometer. Leider zu wenige: Schnell stehe am Anleger Nr. 2 für heute. Dort warte ich in schönstem Sonnenschein wieder ca. eine halbe Stunde und es geht wieder aufs Schiff. An Bord komme ich mit einem Ehepaar aus Hamburg ins Gespräch. Rentner, gute 70 und mit dem WoMo unterwegs. Sie sind seit Februar unterwegs: Erst Neuseeland, dann Island Hopping auf den Cook Inseln und einen Abstecher nach Singapur. Letzte Woche haben sie in HH das WoMo abgeholt sind nun unterwegs zum Polarkreis. Dort wollen sie nach Finnland abbiegen. Nicht schlecht…

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Weiter geht es bei wechselhaftem Wetter entlang des großartigen FV17. Was für eine Steckenführung. Diese Straße wurde für Motorradfahrer gebaut. Und die umgebene Natur haut einen förmlich um. Dann Fähre drei. Die läuft über eine Stunde und hat verschiedene Anlegestellen. Da die Fähren hier alle RoRo (Roll on Roll off) sind kann durch geschickte Verteilung der Fahrzeuge jeder an seinem Bestimmungshafen runter fahren. Vorher genehmige ich mir in Sandnessjoen an einer Tankstelle einen Hamburger. Ich brauche was warmes im Bauch. Mir ist kalt und ich bin heute schon einige Male nass geworden. Der Burger schmeckt richtig gut. Er hätte noch besser geschmeckt wenn ich ihn ungestört hätte essen können.

Von der Seite quatscht mich ein Mann an. Ich hatte nur mit einem Ohr zugehört und antworte: „Sorry, I am not norwegian. Do you speak english?“.

„Se kennet aber scho deitsch mid uns schwätze. Sie sinn doch de Fahrer von denne Modorad mit dem deitsche kennzeiche?“ kommt es zurück. Au wei. Ich blicke auf und da steht ein Paar mitteren Alters. Der Mann spricht. Als der mich zuerst angeredet hatte habe ich seine Ansprache nicht als deutschsprachig identifiziert. Naja, irgendwie ist schwäbisch ja auch kein deutsch. Jedenfalls nicht wirklich. Wie dem auch sei: Die beiden haben Gesprächsbedarf. Fragt der Mann mich doch allen Ernstes ob ich wüsste wo man hier eine gute Landkarte kaufen kann. Ihm fehle ein Teil von Helgeland in kleinem Maßstab. Ich verneine, biete aber meine Hilfe an: Ich habe einen kompletten Satz Bernd & Freytag Norwegenkarten dabei. 200000er. Darin ist jedes Bauerndorf und jede Nebenstraße verzeichnet. Davon will der gute nichts wissen. Er will seine eigene.

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Während des Gespräches bemühe ich mich, meinen Burger weiter zu essen damit der nicht kalt wird. Die Frau erzählt mir, es sei in Ihrer Firma so schwer gewesen Urlaub für diese Reise zu kriegen, dass die Lofoten ganz wunderbar seien und sie dort aufgrund der Vorsaison jeder 50 Kronen Eintritt ins Museumsdorf gespart hätten weil das im Moment frei zugänglich sei. Ich mampfe derweil weiter, nicke öfter mal mit dem Kopf und sage dabei „mmmhhmm“. Das verstehen die beiden als Ermutigung mich weiter mit Informationen zu versorgen die ich nicht brauche. Der Mann hat derweil seine Lofotenkarte geholt, breitet die über meinem Essen aus und fängt an, mir zu erklären wo sie die letzten Wochen mit ihrem WoMo verbracht haben während ich versuche die letzten warmen Reste meines Burgers unter der Karte her zu klauben ohne diese zu versauen. Unter anderen Umständen wäre diese Begegnung vielleicht ganz angenehm gewesen. Aber ich sitze hier im Trubel einer Tanke, versuche einen Burger zu essen solange er noch warm ist und meinen Kaffee dabei zu trinken. Und ich bin nass und kalt. Und im Augenblick will ich meine Ruhe. Die beiden sind durchaus freundlich. Aber für meinen Geschmack und die aktuelle Situation etwas zu aufdringlich. Aber sie lassen von mir ab. Ich winke ihnen noch freundlich hinterher und kann meinen Kaffee in Ruhe trinken.

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Weiter geht es von Sandnesjoen über die große Helgelandbrücke – ich bin seit geraumer Zeit in der Provinz Helgeland – zur Fähre Nr. 4. Die Helgelandbrücke ist ziemlich hoch. Eine geschwungene Auffahrt führt die Fahrbahn auf die Brücke die auch von sehr großen Schiffen unterquert werden kann. Es ist super windig und ich fahre in Schräglage die große Rampe zur Brücke hinauf. In Ihrem Windschatten ist es dann schlagartig ruhig. Aber ich weiss: Wenn ich den Scheitelpunkt der Brücke erreiche wird es mich wieder treffen. Und so ist es auch. Wie eine große Faust trifft mich der Wind genau von vorn als ich am höchsten Punkt der Brücke ankomme. Das ist heftig. Direkt hinter der Brücke geht es rauf in die Berge. Die Schneefelder fangen hier allerdings schon fast auf Meehreshöhe an. Nicht erst weiter oben wie im Süden. Als ich die Schilder „Kjettingsplass“ sehe, schwant mir böses. Ein „Kjettingplass“ ist eine große befestigte Haltebucht vor Passüberfahrten oder Hochebenen auf denen mit viel Schnee und Eis gerechnet werden muss. Hier hat man noch die Gelegenheit von der Straße runterzufahren und Schneeketten aufzuziehen. Bisher ware das „Kjettingplass“ Schild immer ein untrüglicher Hinweis darauf, dass es bald ungemütlich wird. Heute ist das nicht so. Ich fahre zwar immer höher, aber die Straßen sind gut und ich habe einmalige Ausblicke über Berge und Küstenlandschaft.

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Es es ist der Hammer. Hier sieht es überall so aus als ob gleich Gandalf um die Ecke geritten kommt. Dann die letzte Fähre des Tages, und die einzige auf der ich aufgefordert werde mein Motorrad zu verzurren. Der freundliche Einweiser hilft mir dabei. Notwendig wäre das nicht gewesen. Die Überfahrt ist ruhig und sonnig. Das war es mit den Fähren für heute. Und mir reicht es auch. Zu den Kosten: Die Überfahrten kosten zwischen 52 und 81 NOK. Da mir das Bargeld hier zwischen den Fingern verrinnt, habe ich vorgestern schon beschlossen wann immer es geht die Kreditkarte einzusetzen. Das ist hier total normal. Die Norweger setzen auch bei kleineren Beträgen konsequent Plastikgeld ein. Und tanken geht fast nicht anders. Also sollte man unbedingt eine VISA oder Master mit PIN dabei haben. Ich habe beides. Die EC Karte ist an den Tank-Automaten nutzlos. Ich war bisher immer einer der wenigen die an den Fähren oder im Supermarkt bar bezahlt haben. Nun denn, jetzt zahle ich auch überall mit Karte.

Bis zur nächsten Fähre sind es gut 100 Kilometer. Die nehme ich aber heute nicht mehr. Ich schaue ab jetzt nach einer Unterkunft. Die letzte Möglichkeit vor der Fähre wäre das „Polar Camp“ in Kilboghavn. Aber mir ist kalt und ich bin müde und ich werde die erste Gelegenheit nutzen die sich bietet. Doch jetzt zählt das alles nicht: Dieser Abschnitt ist der schönste den ich bisher gefahren bin. Mir fehlen die Worte zu beschreiben wie es hier aussieht. Auch die Handyfotos werden nicht mal den Hauch eines Eindruckes vermitteln können. Ich bin wirklich ein Glückspilz: Ich bin zwar schon ein paarmal nass geworden heute, und kalt ist es auch. Aber insgesamt fahre ich den FV17 bei grandiosem Wetter. Kein Dauerregen und kein Sturm sondern sehr oft Sonne. Und über große Strecken habe ich die Straße für mich allein.

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Etwa 15 Km vor Kilboghavn sehe ich ein Schild „Aldersund Motell & Camping“. Ich biege da ab und finde einen sympathischen Laden vor. Eine Hütte habe sie für heute Nacht. Nicht ganz „High Standard“, aber fast. Dafür etwas preiswerter. Der Landlord bietet mir noch an, morgen früh zum Frühstücksbuffet zu kommen. Natürlich für einen extra Obulus. Ich melde mich an. Dann beziehe die Hütte von der aus ich einen atemberaubenden Ausblick auf die Küste habe. Ich koche mir noch einen Kaffee und schreibe etwas. Dann liege ich früh im Bett. Ich bin total KO. Mein Schlafsack hüllt mich schnell in eine angenehme Wärme und ich schlafe sofort ein. Es ist nicht mal 21 Uhr.