Sonntag, 5. Juni

„If the weather is good, a motorbike ride from here to Bodoe will be an experience“. Das sagt mir Helger beim Abschied vom Aldersund Motell & Camping. Er sollte recht behalten.
Heute bin ich um vier Uhr wach. Zu früh ins Bett gegangen. Die Sonne lacht schon vom blauen Himmel und es scheint ein wunderbarer Tag zu werden. Zu früh für‘s Frühstück. Und ein früher Aufbruch wäre sinnlos. Die erste Fähre ist nur ein paar Kilometer entfernt und sie geht erst um 10:30 Uhr. Also nochmal umgedreht. Um sechs bin ich wieder wach. Und nicht mehr müde. Die Sonne strahlt immer noch und es sind nur ein paar kleine Wölkchen zu sehen. Ich mache mir einen Kaffee und belade das Motorrad. Kurz vor sieben kommt der Landlord vorbei. Und das ist Helger. Er macht seine Morgenrunde und will gleich das Frühstück vorbereiten. Wir quatschen etwas. Er betreibt Genealogie und er erzählt mir, das ein Teil seiner Familie aus Hindelang in Bayern stammt und im späten 17. Jahrhundert erst nach Dänemark und dann nach Norwegen ausgewandert ist. Er ist 61 und hat im letzten jahr einen Tumor im Kopf überlebt. Er sagt, die Arbeit hier und seine Frau Ann-Christine seien sein Lebenselexier. Und er hätte sich angewöhnt nur noch nach vorne zu schauen. Ein netter und interessanter Mann. Halb acht bin ich beim Frühstück. Zunächst bin ich allein, dann kommen noch ein paar wenige andere Gäste. Helger und ich unterhalten noch ein wenig. Aber dann hält es mich nicht mehr. Das Wetter ist super und ich will fahren. Ich verabschiede mich von den beiden und starte. Nach ein paar Kilometern kommt ein Tankautomat. Ich mache das Spritfass voll und weiter geht es. Es ist toll.

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Die Stille

An einer besonders schönen Stelle halte ich an und blicke auf einen kleinen See. Und da ist sie. Sie war vorher auch schon da. Sie begleitet mich vermutlich schon seit ein paar Tagen ohne dass ich sie besonders beachtet hätte. Aber jetzt spüre ich ihre Anwesenheit ganz bewusst: Die Stille. Damit meine ich nicht die absolute Stille sondern die Abwesenheit jedes von Menschen gemachten Geräusches. Ich höre den Wind in im Wald, das Wasser und viele verschiedene Vogelstimmen. Identifizieren kann ich aber nur einen Kuckuck. Von Vogelstimmen habe ich keine Ahnung. Ich liebe das. Irgendwie stört mich sogar der Klick der Handykamera als ich ein Foto schieße. Und als ich nach ein paar Minuten aufbreche habe ich fast ein schlechtes Gewissen etwas so seltenes wie diese Stille zu verscheuchen als ich den Anlasserknopf drücke. Schon gut. Ich werde sentimental. Aber achtet mal drauf: Eine solche Stille wird sich bei euch zuhause selbst in der einsamsten Nacht nicht einstellen: Man hört immer das entfernte Rauschen eines Autos, das Gluckern in der Heizung, das Surren des Kühlschrankes und das Atmen des Hauses oder das Schnarchen des – ach lassen wir das. Viel zu früh bin ich an der Fähre.

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Anleger in Kilbogavn

Das Warten ist nicht schlimm. Ich sitze am Anleger in der Sonne und träume vor mich hin. Dann geht es endlich los.
Diese Fährpassage ist etwas besonderes für mich. Ein paar Minuten nach dem Ablegen erreicht das Schiff 66° 33′ 55″ nördlicher Breite. Den Polarkreis. Dann bin ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Arktis.

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Polarkreis

Ja, ich weiss das „Arktis“ nach neuerer Definition nicht mehr an den Polarkreis gebunden ist, sondern an Vegetationszonen. Und demnach fängt die Arktis in Norwegen deutlich weiter nördlich an. Mir egal: Ich bin Traditionalist. Ich bin gleich in der Arktis. Punkt. Und tatsächlich: Bald ertönt die Lautsprecherdurchsage. Zunächst auf norwegisch, und dann „Ladies and gentlemen. In a few minutes we are crossing the arctic circle“.

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So sieht er aus, der Polarkreis

Natürlich stehe ich vorne auf dem Deck mit gezücktem Handy um ein Foto zu davon zu machen. Ja von was denn eigentlich? Die imaginäre Linie wird wohl kaum aus dem Wasser auftauchen und posieren. Klar: Ich weiss dass eine Landmarke am Ufer sichtbar werden wird. Und das tut sie auch. Ein Globus auf einem Sockel. Kaum zu erkennen aus der Entfernung. Fast alle Fährengäste stehen an der Reling und machen wie ich ihre Fotos.

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Die Landmarke

Dann wird es plötzlich leise: Das vibrieren der Motoren hat ausgesetzt und die Fähre rauscht still durchs Wasser. Nach ein paar Minuten kommt die Durchsage: Wieder erst norwegisch. Dann auf Englisch: „We have some technical problems and had to stop the engines“. Das wars. Sonst nichts. Wir treiben. Die Leute von der Mannschaft rennen hektisch herum. Sonst geschieht nichts. Ausser das der Kahn sich dreht. Ich gehe in den Salon. Kaffee gibt es auch nicht mehr. Kein Strom. Sorgen mache ich mir keine. Das Wetter ist super und nur wenige Fahrgäste an Bord. Das Meer liegt spiegelglatt und freundlich da. Ausserdem vertraue ich den Fachleuten. Nach einer viertel Stunde gelingt es offensichtlich, einen Teil der Maschinenleistung wieder zu aktivieren und es soll jetzt zurück gehen. Da würde eine Ersatzfähre warten. So das Gerücht. Gesteckt haben es mir zwei Motorradfahrer. Einheimische die zu einer Sonntagsrunde aufgebrochen sind. Es wird gratis Kaffee verteilt. Dann aber dreht der Kahn wieder und läuft mit normaler Gewschwindigkeit unser Ziel an. Das hat ungefähr eine dreiviertel Stunde gekostet. Kein Problem. Die Fähre legt an und ich fahre die ersten Kilometer durch die Arktis.

Die Fähre

Die Fähre

Auch nicht anders als vorher. Aber es ist immer noch unbeschreiblich schön. Leider ist die nächste Fähre nur ein paar Kilometer entfernt. Und hier rächt sich die Verspätung. Die Besatzung macht Mittag. Ich warte eineinhalb Stunden. Zum Glück in strahlendem Sonnenschein. Aber frisch ist es trotzdem. Dann geht es endlich los. Diese letzte Passage für heute ist kurz: Vielleicht zehn Minuten. Und was dann kommt ist eine nochmalige Steigerung von allen tollen Eindrücken der letzten Tage. Nehmt es einfach so hin. Beschreiben kann ich die Ausssichten nicht die ich hier habe. Tip an alle die mal nach Norwegen fahren: Den FV17 müsst ihr gefahren sein. Mitunter wird ja behauptet es sei die spektakulärste Küstenstraße der Welt. Das kann ich nicht beurteilen. Aber es ist mit großem Abstand die spektakulärste die ich gefahren bin.

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  • Brücke über den Saltstraumen

Am Saltstraumen halte ich kurz an. Das ist ein sehr heftiger Gezeitenstrom. Auf den Fotos der Handykamera lässt sich das nicht erkennen. Da müsste man eine vernünftige Kamera dabeihaben und diese auch bedienen können. Weiter geht es nach Bodö.

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Yachthafen von Bodö

Hier will ich übernachten und morgen die Fähre zu den Lofoten nehmen. Die Hütte ist „Lowest Standard“. Aber was die Sache sympathisch macht ist, dass der Herr an der Rezeption das auch sofort so sagt. Dafür ist sie günstig. Und WLAN gibt es hier auch.

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Hütte in Bodö

Ich checke den Wetterbericht. Mir kommen Zweifel. Auf den Lofoten herrscht Mistwetter. Kalt und regnerisch. Ich überlege, die Fahrt in Richtung Norden hier abzubrechen und mich wieder in den Süden zu begeben. Dort ist für die nächsten Tage überall Sommerwetter angesagt. Und der Süden und Südwesten von Norwegen ist wunderschön. Ich könnte dort noch sehr viele Ecken entdecken an denen ich noch nicht war. Und das bei schönstem Wetter. Dann denke ich mir, dass ich so schnell nicht wieder hier oben bin und ich mich schwer ärgern würde hätte ich so kurz vor dem Primärziel Nr. 2, den Lofoten, aufgegeben.
Also mache ich einen neuen Plan. Ab Mittwoch soll der Dauerregen auf den Lofoten nachlassen und das Wetter sich in Richtung „durchwachsen“ ändern. Also denke ich mir, dass ich morgen übersetze und Dienstag das schlechte Wetter in einer Hütte aussitze. Mittwoch soll es dann weiter gehen. Wohin ist noch nicht ganz klar. Das Wetter macht die Planung schwierig. Erstmal drüber schlafen.