Früh sind wir auf. Ich koche Kaffee und danach bauen wir ab. Martin ist wie immer schneller als ich. Deutlich schneller. Gegen 10 Uhr starten wir. Zurück nach Steinkjer, auf die E6. Dann Trondheim. Wir wollen bis Dombas und dann auf die E136 abbiegen. Nach Andalsnes. Wir haben beschlossen, dass wir ein oder zwei Tage in Bergen sightseeing machen wollen. Bergen, eigentlich die Regenhauptstadt Europas, wird für die ganze nächste Woche gutes Wetter haben.
Mir graut es vor der Fahrt. E6! Das ist für erfahrene Norwegenfahrer sowas wie die Vorhölle. Ich bin diese „Road to Hell“ von Orkanger bzw. Oslo aus schon mehrfach gefahren. Allerdings das letzte Mal 2002. Zunächst wird diese Miststrecke auch heute ihrem Ruf gerecht. Nicht schön und viel Verkehr. Vor allem Wohnmobile. Aus Sicht des Mopedfahrers ist so ein WoMo eine Immobilie die auf der Straße rumsteht und eine Seniorenherberge ist. Und wenn diese „Fahrzeuge“ in Scharen auftreten – und das tun sie hier in Norwegen mittlerweile – wirkt das wie eine in Reihe geschaltete Rentnerkolonie. Oder nein: Pensionärskolonie. Die meisten dieser Teile können sich nur fürstlich alimentierte Ex-Beamte leisten. Vermutlich alles pensionierte Lehrer-Ehepaare. Es ist schlimm… Die beige Pest. Dauernd fährt man irgendwelchen schleichenden Schrankwänden hinterher. Und es sind so viele.
Aber halt. So schlimm ist es heute überhaupt nicht. Irgendwann kündigt ein Schild den Aufstieg auf das Dovrefell an – im übrigen fahren wir schon lange im Sonnenschein – und die Fahrt wird zum Erlebnis.
Bei so einem wahnsinns Wetter habe ich das Dovrefjell noch nie gequert. Die Aussicht ist atemberaubend. Das wir hin und wieder von pensionierten Lehrern und holländischen Wohnwagengespannen ausgebremst werden stört uns nicht mehr. Zu gut das Wetter, zu schön das Panorama.

Was stört ist folgendes: An einem Rastplatz checken wir den Ölstand von Martins Maschine. Es ist kein Ölstand messbar. Wir fragen uns, was wir falsch machen. Aber wir googlen und finden keinen Fehler. Martin hat Motoröl dabei. Er giesst nach. Immer noch nichts messbar. Er giesst wieder nach. Wieder nichts. Das geht so, bis ein ganzer Liter in seinem Motor verschwunden ist. Guter Rat ist teuer. Als technischer Laie und Klugscheisser ohne Verantwortungsbereitschaft überlasse ich die Entscheidung was zu tun ist Martin.
Er beschließt. bis Andalsnes weiterzufahren und dann mal schauen….
Na denn. so machen wir es.
Irgendwann kommst der Abstieg vom Fjell ind wir sind in Dombas. Hier sieht alles so aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Am – für norwegische Verhältnisse – großen Autohof und Einkaufszentrum setzen wir uns auf die Sonnenterasse. Mit Kaffee und Kuchen lassen wir es uns gut gehen. War das eine Fahrt. Und die E6 hat jetzt wirklich was gut bei mir…
Nach dem Kaffe biegen wir in Richtung Westen von der E6 ab. Wir wollen nach Andalsnes. Was wir nun erleben ist der Hammer. Bei allerbestem Wetter fahren wir entlang einer Traumstraße. Wir erleben auf den nächsten hundetr Kilometern eine Mischung aus Auenland – so taufen wir den ersten Abschnitt -, Mittelerde, Allgäu und Zugspizenmassiv. Grüne Wiesen wechseln sich mit schroffen Felswänden und Wasserfällen ab. Und das bei 17 Grad am Abend.

Wir sind bester Laune. Was für eine Fahrt. Wir sind fast traurig als wir unser Ziel erreichen. Und das, obwohl wir uns heute den „Steel Butt“ Titel echt verdient haben. 461 Km lang haben wir uns den Popo platt gesessen. Wir kommen am ausgewählten Campingplatz an. Der ist schön. Die Hütte ist super und der Chef verrät uns, an welcher Tanke im Ort es die besten Burger gibt. Wir packen unseren Kram in die Hütte und ab geht es zur Esso-Station in Andalsnes. Dort futtern wir einen wirklich leckeren Burger mit Pommes.
Natürlich schauem wir in der Tanke auch nach Motoröl. Martins Karre braucht 10w40. Eine Allerweltssorte. Das haben die da, aber nur als „semi-synthetic“. Ich habe keine Ahnung ob Martins Triumph vollsyntetisches braucht oder ob das egal ist. Martin weiss das auch nicht. Martin entscheidet, dass wir uns morgen darum kümmern.

Zurück am Platz beschließen wir, einen Kinoabend zu machen. Auf einem Tablet schauen wir William Whylers grandiosen Western „Weites Land“. Mit Gregory Peck und Charlton Heston. Die letzten 10 Minuten kriege ich nicht mehr mit. Ich bin eingeschlafen. Macht nix, Ich kenne den Film. Morgen wollen wir nicht vor acht Uhr aufstehen.

Mit dem Rauschen der Wasserfälle die uns umgeben im Ohr schlafen wir ein. Ich muss nachts noch raus und sehe die Lichter von Andalsnes. Ein schönes Bild. Ansonsten schlafen wir beide sehr gut und die Stimmung ist jetzt nach dem Tief der letzten Tage auf bestem Niveau.

Ich kann nicht genug betonen, was für ein angenehmer Reisebegleiter Martin ist. Immer humorvoll, immer mit einer guten Idee dabei und wie ich voller Begeisterung für das wundeschöne Land das wir durchfahren.
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