Wir schlafen bis um acht. Ich gehe noch duschen, dann packen wir. Martin ist vor mir fertig. Soll mich das wundern?
Wir wollen nach Andalsnes zur Esso-Tanke. Frühstücken. Als wir starten, fällt mir auf, dass Martins Karre eine ordentliche Abgasfahne hinter sich herzieht. Eine ganze Weile lang. In den letzten Tagen war mir bereits aufgefallen, dass sein Moped beim herunterschalten unter Last einen ordentlichen dunklen Schwall ausstößt. Beim Frühstück entscheiden wir, sowas wie eine Werkstatt zu suchen. Wir hatten gestern schon geschaut: Die nächsten Triumph Vertragshändler sind in Bergen oder Oslo. Beides gleich weit entfernt. Also wollen wir mal sehen, ob es hier eine Schrauberbude gibt wo die Locals ihre Mopeds warten lassen. Nach dem Frühstück fangen wir damit an.
Ich schlage Martin vor, den ADAC zu kontaktieren. Schließlich hat er wie ich auch einen Schutzbrief von dem Laden. Und sowas sollte damit abgedeckt sein. Ich fahre derweil eine Runde durch den Ort um nach einer Werkstatt Ausschau zu haten. Ich frage mich durch, erhalte aber nur untaugliche Hinweise. Dann, als ich eben aus einer Ford-Autowerkstatt komme, sehe ich gegenüber vor einem Supermarkt ein Motorrad. Daneben zwei Typen. Ich denke, das sind Locals. Die wissen wo man hier mit ’nem Moped hingehen kann. Ich fahre rüber. Das Moped ist eine alte Guzzi. Sehr alt. Eine Le Mans I. In einem beklagenswerten Zustand. Wirklich abgeranzt, das Teil. Die beiden Typen die eben Ihre Einkäufe in einem Sack auf dem Gepäckträger verstauen sehen nicht besser aus. Nun ja. irgendwie stimmt mich der Anblick der beiden aber auch optimistisch. Die scheinen weit in weit ihren siebzigern zu sein und fahren mit ’ner Guzzi rum. Das lässt hoffen… Aussehen tun sie aber wie eine Mischung aus Trolls und Orks.

Gerade stehen können sie anscheinend nicht. Egal. ich Quatsche sie an. Auf englisch. Sie sagen: „Du kannst ruhig deutsch mit uns reden“. Au wei. Ich schaue auf das Nummernschild der Guzzi. Deutsch, TS, Traunstein. Das sind Bayern. Die machen seit zwei Wochen Urlaub hier und sind tatsächlich zu zweit auf diesem Moped hierher gefahren. Unglaublich. Wie dem auch sei, wir haben nett geschwatzt, aber helfen konnten die auch nicht.
Ich fahre zurück zu Martin. Der hat den mittlereweile den ADAC kontaktiert und dieser den Vertragspartner vom norwegischen Autoclub . Deren nächster Werkstattpartner residiert in der Tanke an der wir stehen. Schräg.

Der Mann vom norwegischen Automobilclub ist da.

Der Mann von der Werkstatt wirkt kompetent und hilfsbereit. Aber auch er kann zunächst nichts anderes machen, als Öl nachzugiessen. Und zu messen. Nachdem Martin gestern einen ganzen Liter in der Triumph versenkt hat, macht unser Helfer das gleiche: Giessen, messen, giessen, messen. Ein weiterer Liter verschwindet in den unermesslichen Weiten des Triumph’schen Motors. Dann überprüft der Mann noch Martins Auspuff: Eine fette Ölschicht. Das nix gut. Er sagt uns, mehr könne er nicht tun. Und er rät Martin, mit der Karre die Tour nicht fortzusetzen. Er vermutet einen gravierenden Motorschaden. Wat nu.

Und ein weiteres Fass Öl verschwindet in Martins Triumph

Martin und ich halten Kriegsrat. Verantwortungsscheu wie ich bin, helfe ich ihm nicht. Ich wiederhole den Rat des Technikers: Mach was Du für richtig hälst, aber ich würde mit der Karre nicht weiter auf Tour gehen. Martin sieht das genauso. Wir überlegen hin und her. Dann entschließt sich Martin, die Tour abzubrechen. Er will irgendiwe bis Oslo und dann nach Deutschland zu kommen und dann mal weitersehen.
Das ist bitter. Denn das heisst, das unsere gemeinsame Tour nach einer Woche zu Ende ist. Was für eine Schei***. Mein erster Impuls ist, ebenfalls abzubrechen. Aber was würde es Martin helfen? Kann ich Ihm bei technischen Problemen zur Seite stehen? Kann ich mehr als „moralische Unterstützung“ leisten? Nein. Martin ist genervt und fertig. Ich bin es auch. Wir trinken unseren Kaffee, überlegen und reden und kommen zu folgendem Entschluss: Ich begleite Martin heute Nachmittag noch in Richtung Oslo. Wir fahren die E136 zurück nach Dombas, dann nach Süden Richtung Oslo. Bis Otta will ich bei ihm bleiben.
So machen wir es. Wir fahren wieder die E136 Diesmal in die andere Richtung. Sie ist immer noch wunderschön, aber wir haben heute keinen Blick dafür. In Dombas nehmen wir auf der gleichen Terasse wie gestern einen Kaffee. Dann fahren wir bis Otta.

An der E6 in Otta. Abschied von Martin. Was für ein Mist.

Hier werde ich nach Westen abbiegen und Martin seinem Schicksal überlassen. Ich Monster. An einer Tanke verabschieden wir uns. Martin will heute noch so weit es geht in Richtug Oslo kommen. Ich will, dass das alles nicht wahr ist. Wie dem auch sei. Nach einer Umarmung und den besten Wünschen trenne ich mich von Martin. Er fährt jetzt seine Tour. Ich die meine.
Ich könnte kot***.
Ich habe keinen Bock, jetzt zu erzählen wie toll der Weg nach Lom war, was für einen hübschen Campingplaatz ich gefunden habe und blablabla.
Ich muss die Sache verarbeiten. Und überschlafen.