Ich bin zeitig wach und habe nicht schlecht geschlafen. Aber ich mache mir Sorgen. Werde ich problemlos fahren können? Wird es schwierig werden? Komme ich aufs Moped und wieder ‚runter? Ich werde es sehen. Und ich habe keine Wahl. Ich habe Abends schon das meiste gepackt. Ich packe den restlichen Kram aufs Moped und mache die Hütte klar. Diesmal gehe ich sogar kurz mit einem nassen Feudel durch die Bude. Ich hatte doch etwas Dreck reingetragen seit ich vorgestern hier ankam. Den Schlüssel werfe ich in die Box an der Rezeption und dann starte ich. Der gleiche Weg zurück den Martin und ich auch auf der Hinfahrt genommen haben. Mit einer leichten Änderung. Kurz nach dem Start bin ich in Hopperstad, wo die alte Stabkirche steht. Und schon beginnt der Aufstieg auf das erste Fjell. Das Vikafjell. Nach ein paar Kilometern habe ich einen Aussichtspunkt erreicht, von dem man eine fantastische Aussicht über Hopperstad und eine Bucht am Sognefjord hat. Das ist mein Abschied von diesem gigantischen Fjord. Ich hoffe, ich komme nochmal hierher. Und es geht weiter hinauf. Auf dem Pass stehe ich vor einem Tunnel auf dem Parkplatz und trinke einen Kaffe.

Ein junges Paar so Anfang 20 hält mit einem Kleinwagen an, um die Aussicht zu geniessen. Dachte ich. Die wollen aber wohl eher Fotos für Instagram machen. Die Dame ist leicht bekleidet. Damit meine ich nicht etwa halbnackt, sondern extrem sommerlich. So wie man es an einem sonnigen Nachmittag in einer mediterranen Stadt erwarten würde. Und sie posiert für ihren Freund in den Schneefeldern die an den Parkplatz heranreichen. Sie muss fürchterlich frieren. Es hat nur vier Grad und ich bin froh, dass ich meine Mopedklamotten anhabe und einen heissen Kaffee trinken kann. Aber vielleicht bin ich ja auch einfach nur alt… Zwischen den Fotos können die beiden die Finger nicht voneinander lassen und benehmen sich so, als ob sie mich nicht gesehen hätten. Möglicherweise haben sie das auch nicht. Ich fahre weiter. und bald geht es wieder abwärts. Wie schon gesagt, ist es die gleiche Strecke wie auf dem Hinweg. Aber die alte Mopedfahrerweisheit trifft zu: Fährst Du eine Strecke anders herum, ist es eine andere Strecke. So ist es jetzt auch. Und natürlich ist das Wetter anders. Klar, oben auf dem Fjell ist es beissend kalt. Aber bei dem Licht sieht das hier schon toll aus. Ich kann weit entfernte Bergketten erkennen. Die Sicht ist frei von Horizont zu Horizont und die Luft ist kristallklar. Der Abstieg erfolgt wieder über die Serpentinenstrecke die ich von der Anfahrt kannte. Martin war die noch etwas ängstlich aber dann doch problemlos raufgefahren. Ich halte kurz an einem spektakulären Wasserfall an und mache ein paar Fotos und ein kurzes Video.

War es oben noch kalt, sind es wieder unten angekommen schon 18 Grad. Und gefühlt 25. Ich fahre durch das wunderschöne Myrkdal, einem Skiresort. Dann vorbei am Myrksdalvatnet und runter bis nach Vinje. Was für eine schöne Gegend. Im See spiegeln sich die Berge und Wälder. Mir kommt der alte Film „Und ewig singen die Wälder“ aus den 50ern in den Sinn. Der hätte hier gedreht werden können. Wurde er aber nicht. Sondern in der Gegend um Lillehammer. Wie dem auch sei: Die Landschaft ist das, was man als „wildromantisch“ bezeichnen würde. Zu schön um echt zu sein. Aber hier sieht es überall so aus.

Ein See, bei Myrkdalen
Und es ist erstaunlich, wieviel Unterschied hier zehn Tage warmes Wetter machen. Das Leben hier ist förmlich explodiert. Die Wälder und Wiesen stehen in so sattem Grün da, als seien die kalten Wochen schon lange vorbei. An einer Tanke mache ich halt. Ein Frühstück hatte ich ja nicht, also gibt es eine Pölser. Meine Leibspeise könnten die nicht werden. Ein mit Salami belegtes Brötchen zum Kaffee wäre mir lieber gewesen. Ich widerstehe der Versuchung mir noch eine Zimtschnecke mitzunehmen. Die sind wirklich lecker hier. Aber ich habe hier schon zuviel Schokolade und Kuchen gegessen.Ich trinke Kaffee, esse die Pölser und Eva ruft an. Sie bietet mir an, für mich einkaufen zu gehen . Das ist nett. Aber nicht notwendig. Sonntag Abend werde ich was essen gehen, und Montag kann ich ja selber einkaufen. Aber trotzden: Danke Eva! Das war wirklich nett.
Nach dem Telefonat mache ich mich wieder auf den Weg und bin bald am Hardangerfjord. Hier gibt es eine Abweichung von der Strecke die wir auf dem Hinweg genommen haben. ich will die Ostseite fahren. Nicht die westliche wie auf der Hinfahrt. Da muss ich keine Fähre nehmen sondern nutze die „Hardangerbrua“, die große Brücke über den Hardangerfjord. Diese führt in beide Richtungen direkt in Tunnels. In denen sind die bekannten, in blauem Licht ausgeleuchteten unterirdischen Kreisverkehre. Sehr ungewöhnlich.

Nach ein paar Kilometern weiss ich, warum auf der Hinfahrt Martins Navi uns über die andere Route geschickt hat. Die Straße auf dieser Seite ist schmal. Sehr schmal. Jedenfalls größtenteils. Und es gibt Baustellen. Und „Fölg Megs“. Die wollen die Straße dort wohl verbreitern. Das wird ein Projekt für viele Jahre sein. Dauernd stehe ich in Autoschlangen. Zu guter letzt hänge ich dann noch für viele Kilometer hinter einem Tieflader mit einer Raupe drauf. Der ist an vielen Stellen so breit wie die Straße. An Überholen ist nicht zu denken. Der Gegenverkehr muss sehr oft zurücksetzen, sich haarschaf an die Felswände neben der Straße schmiegen und der Fahrer des Tiefladers muss all‘ seine Fahrkünste aufwenden um hier durchzukommen ohne anderen Verkehrsteilnehmern Schaden zuzufügen. Wer das hier beruflich macht, muss schon echt abgebrüht sein und Nerven wie Stahlseile haben. Und fahren können. Und Zeit haben. Den das Tempo hat was von Krötenwanderung. Es geht nur elendig langsam voran. Endlich, nach quälend langer Zeit ergibt sich eine kleine Lücke an einer Baustelle die ich nutzen kann. Schwupps. Und ich bin vorbei. Für Autos gibt es hier keine Chance, das Teil zu überholen. Auf dem weiteren Weg kommen mir einige dieser Pensionärsruhesitze mit teilweise absurden Ausmaßen entgegen. Die ahnen nicht, was sie erwartet… Am Ende des Hardanges mache ich Pause. Auf dem Parkplatz steht doch tatsächlich eine v85tt. So eine wie meine. Aber anders lackiert. Die trifft man nicht oft. Für Fahrer(Innen) von BMW GSen ist es völlig normal, dass sie auf einem Parkplatz mit dutzenden anderen GSen stehen. Die GS ist halt das Einheitsmoped und ungefähr so originell wie ein VW Passat. Aber für mich ist es das erste zusammentreffen mit dem gleichen Modell das ich fahre auf dieser Reise.

Hier nehme ich auch Abschied vom Hardangerfjord. Was war das für eine schöne, aber auch nervige Strecke. Ab jetzt läuft der Verkehr besser.

Bald darauf geht es auf das Røldalsfjellet. Vor dem Tunnel kommt der Abzweig der über die alte Straße durch die berge führt. Ich biege dort ab. Allein kann ich das ja machen. Doch nach ein paar Metern stehe ich vor einer Schranke. Wintersperre. Ich muß umdrehen und doch den Røldalstunnel nehmen. Schade.
bald liegt der Ort Røldal hinter mir, und das nächste Fjell naht. Das Haukelifjell. Was haben wir auf der Hinfahrt da gefroren. Zugefrorene und halb aufgetaute Seen und Schneefelder soweit das Auge reichte. Aber auch hier hat das warme Wetter seine Spuren hinterlassen. Vom Eis ist wenig übriggeblieben, die Schneefelder sind stark auf dem Rückzug und auf einem Parkplatz hat sogar ein Souvenierhändler seinen Stand aufgebaut. Der Tunnel, den wir auf der Hinfahrt noch über die alte Paßstraße umfahren mussten, ist jetzt passsierbar. Aber mit „Fölg Meg“. Ich stehe als erster in der Schlange. Eine Dame stoppt die weiteren Fahrzeuge mit Ihrer Kelle. Sie sagt mir, dass es ca. 10 Minuten dauern würde bis es weitergeht. Wir kommen ins Gespräch. Wie üblich beim Smalltalk reden wir über das Wetter. Sie sagt, der Winter hier sei sehr kalt gewesen und habe ungewöhnlich lange gedauert. Und auch der Frühling sei bisher eindeutig zu kalt. Das Wetter jetzt sei eine wahre Erholung. Ich kann das verstehen. So schön ich es an vielen Stellen hier finde: Leben möchte ich hier nicht. Es ist alles schon sehr abgelegen und die Sommer hier sind kurz. Das Haukelifjell ist eine Winterportgegend. Aber Haukeli selbst ist ein kleiner Ort mit wenigen Einwohnern. Ein kleiner Coop, eine Tanke und das wars. Hier treffen die E9 und die E134 (die ich seit geraumer Zeit fahre) aufeinander. Daher ist das Dorf wohl auf jeder Karte verzeichnet. Bald kommt der „Fölg Meg“ und es geht weiter. Die weitere Fahrt ist ereignislos aber schön. Kurz nach 18 Uhr bin ich auf dem Campingplatz Flateland bei Valle den ich schon von der Hinfahrt kenne. Hier will ich morgen einen Ruhetag einlegen und am Samstag dann nach Kristiansand weiterfahren wo die Fähre hoffentlich auf mich wartet. Anders als beim ersten Besuch sind fast alle Hütten belegt. Auf der Wiese stehen Zelte und ein paar Rentnerburgen. Ich bekomme die Hütte Nr. 6. Für zwei Nächte. Meine Nachbarn sind Niederländer. Nette Leute. Die machen hier eine Rundreise mit dem PKW. Wir quatschen etwas und dann fahre ich noch kurz zum Supermarkt. Laut Google Maps ist der nur vier Kilometer entfernt und in wenigen Minuten zu erreichen. Wenn es keine „Fölg Megs“ gäbe würde das auch wohl stimmen. Aber ich komme um die erste Kurve und sehe die rote Kelle. Eine Baustelle. Ich stehe da allein. Der Streckenposten interessiert sich für meine Guzzi und wir reden kurz. Er sagt mir, dass die Unterbrechung hier jetzt länger als normal dauern würde. An der anderen Seite der Baustelle würde schweres Gerät abgeladen. Und bevor das nicht erledigt sei, käme auch kein Fölg Meg. Er hatte recht. 20 Minuten lungere ich da rum. Dann endlich geht es weiter und ich bin zwei Minuten später am Supermarkt. Ich besorge was zum Frühstück und fahre zurück. Diesmal habe ich Glück an der Baustelle. Mt lediglich zwei PKWs im Schelpptau startet eben der Fölg Meg und ich kann mich noch dranhängen. Schnell bin ich zurück am Campingplatz. Ich sitze abends noch vor der Hütte, lausche einem Hörbuch und liege um 22 Uhr im warmen Schlafsack. War eine schöne Tour heute und alles hat besser funktioniert als ich dachte. Aber mein Bein schmerzt immer noch bei Belastung und ich kann kaum von einem Stuhl aufstehen ohne mich abzustützen. Hoffentlich ist das bald besser. Aber morgen mache ich ja Pause. Mal sehen ob das was nützt.
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