Alles was mich interessiert

Monat: Juni 2016

Kurzer Zwischenbericht

So, da bin ich wieder. In den letzten zwei Tagen hatte ich keine Zeit bzw. Energie hier was ‚reinzustellen. Die Tage waren lang und schön, aber auch anstrengend. Und  ereignisreich. Keine Sorge, die Berichte liefere ich morgen nach. Ich mache immer fleissig Notizen unterwegs. Und es gibt einiges zu erzählen und schöne Fotos. Morgen lege ich einen fahrfreien Tag ein.Dann werde ich die  Zeit finden was zu schreiben. Damit Ihr wissst wo ich bin: Ich habe eine wunderbare Hütte (High Standard)

Meine Hütte in Nausbukta

Meine Hütte in Nausbukta

 

am  Sildvika Camping in Naustbukta bezogen. „High Standard“ heisst: Ich habe meine eigene Dusche/Toilette und eine separates Schlafzimmer. Und eine voll eingerichtete Küche.Also Quasi ein kleines Ferienhaus.

Aussicht von der Terasse

Aussicht von der Terasse

 

Und ganz wichtig: An dieser Stelle möchte ich mich für die lieben Kommentare und EMails bedanken. Und die netten Ermunterungen weiter zu schreiben. Das motiviert sehr. Mache ich auch ganz sicher. Allerdings mit etwas Zeitversatz..
Wer Verbesserungsvorschläge oder Fragen hat: Nur raus damit. Eine Frage beantworte ich hier schon mal: Ja, Bier ist wirklich sehr teuer: Ich war heute Abend im Supermarkt (das ist noch eine eigene Geschichte)  und habe von der Dosenbierabteilung Fotos gemacht: Der Liter Carlsberg kostet knapp 60 NOK.Das sind ungefähr 6,60 Euro. Wein oder gar Spirituosen kann man da überhaupt nicht kaufen. Und an einen Abend wie diesem würde ich echt was drum geben einen leckeren Riesling im Glas zu haben. Einen Vinnemonopolet Laden habe ich hier in der Gegend nicht entdecken können. Allerdings habe ich auch nicht wirkich gesucht.

Es ist jetzt 20:30 hier, und die Sonne steht noch recht hoch am Himmel. Der Norden naht. Und ich setze mich jetzt mit meinem Aberlour auf die Terasse.

 

Sechster Tag: Mehr Fähre als Moped

Samstag, 4. Juni

Bin gestern spät bzw. früh heute morgen in’s Bett gegangen. Und ich schlafe unruhig. Ich werde mehrmals wach und habe wirre Träume über die ich hier nichts berichten möchte. Den Wecker hatte ich mir auf 7:30 gestellt, bin aber um 6:30 schon munter. Ich koche mir einen Kaffee. Frühstück mache ich mir keins. Obwohl ich alle notwendigen Zutaten da habe. Ich habe einfach keinen Appeteit. Meine Abfahrt habe ich gestern schon weitgehend vorbereitet. Ich habe fast alles gepackt und auch die Gewichtsoptimierung vorgenommen. Jetzt noch ein paar Kleingkeiten verstaut, die Hütte rein gemacht und es geht los.Schnell bin ich am FV17. Auf dem bleibe ich jetzt bis Bodö. Das sind von hier noch gut 450 Kilometer. Immer die Küste entlang. Ich muß mir vorläufig keine Strassennummern mehr merken. Das Wetter ist durchwachsen. Mal nieselt es, mal kommen ein paar Sonnenstrahlen durch. Aber es ist recht kühl: Nur 7 Grad. Nach ein paar Kilometern stehe ich am ersten Fähranleger für heute.

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Mit den Namen der einzelnen Abfahrts- und Ankunftsorte verschone ich euch. Wer das genauer wissen will kriegt das mit „Google Maps“ problemlos raus. Nur soviel: Ich werde heute vier Fähren benutzen (müssen). Das kostet Zeit. Es ist Vorsaison und der Fahrplan ist noch recht ausgedünnt. Hier an der ersten Fähre stehe ich nun und es regnet. Zum Glück nicht heftig und es hört auch bald auf. Ich warte eine halbe Stunde. Dann geht es los. Derweil ist die Sonne herausgekommen und macht die Passage zu einem tollen Erlebnis. Dann runter vom Schiff und es folgen einige wunderbare Straßenkilometer. Leider zu wenige: Schnell stehe am Anleger Nr. 2 für heute. Dort warte ich in schönstem Sonnenschein wieder ca. eine halbe Stunde und es geht wieder aufs Schiff. An Bord komme ich mit einem Ehepaar aus Hamburg ins Gespräch. Rentner, gute 70 und mit dem WoMo unterwegs. Sie sind seit Februar unterwegs: Erst Neuseeland, dann Island Hopping auf den Cook Inseln und einen Abstecher nach Singapur. Letzte Woche haben sie in HH das WoMo abgeholt sind nun unterwegs zum Polarkreis. Dort wollen sie nach Finnland abbiegen. Nicht schlecht…

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Weiter geht es bei wechselhaftem Wetter entlang des großartigen FV17. Was für eine Steckenführung. Diese Straße wurde für Motorradfahrer gebaut. Und die umgebene Natur haut einen förmlich um. Dann Fähre drei. Die läuft über eine Stunde und hat verschiedene Anlegestellen. Da die Fähren hier alle RoRo (Roll on Roll off) sind kann durch geschickte Verteilung der Fahrzeuge jeder an seinem Bestimmungshafen runter fahren. Vorher genehmige ich mir in Sandnessjoen an einer Tankstelle einen Hamburger. Ich brauche was warmes im Bauch. Mir ist kalt und ich bin heute schon einige Male nass geworden. Der Burger schmeckt richtig gut. Er hätte noch besser geschmeckt wenn ich ihn ungestört hätte essen können.

Von der Seite quatscht mich ein Mann an. Ich hatte nur mit einem Ohr zugehört und antworte: „Sorry, I am not norwegian. Do you speak english?“.

„Se kennet aber scho deitsch mid uns schwätze. Sie sinn doch de Fahrer von denne Modorad mit dem deitsche kennzeiche?“ kommt es zurück. Au wei. Ich blicke auf und da steht ein Paar mitteren Alters. Der Mann spricht. Als der mich zuerst angeredet hatte habe ich seine Ansprache nicht als deutschsprachig identifiziert. Naja, irgendwie ist schwäbisch ja auch kein deutsch. Jedenfalls nicht wirklich. Wie dem auch sei: Die beiden haben Gesprächsbedarf. Fragt der Mann mich doch allen Ernstes ob ich wüsste wo man hier eine gute Landkarte kaufen kann. Ihm fehle ein Teil von Helgeland in kleinem Maßstab. Ich verneine, biete aber meine Hilfe an: Ich habe einen kompletten Satz Bernd & Freytag Norwegenkarten dabei. 200000er. Darin ist jedes Bauerndorf und jede Nebenstraße verzeichnet. Davon will der gute nichts wissen. Er will seine eigene.

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Während des Gespräches bemühe ich mich, meinen Burger weiter zu essen damit der nicht kalt wird. Die Frau erzählt mir, es sei in Ihrer Firma so schwer gewesen Urlaub für diese Reise zu kriegen, dass die Lofoten ganz wunderbar seien und sie dort aufgrund der Vorsaison jeder 50 Kronen Eintritt ins Museumsdorf gespart hätten weil das im Moment frei zugänglich sei. Ich mampfe derweil weiter, nicke öfter mal mit dem Kopf und sage dabei „mmmhhmm“. Das verstehen die beiden als Ermutigung mich weiter mit Informationen zu versorgen die ich nicht brauche. Der Mann hat derweil seine Lofotenkarte geholt, breitet die über meinem Essen aus und fängt an, mir zu erklären wo sie die letzten Wochen mit ihrem WoMo verbracht haben während ich versuche die letzten warmen Reste meines Burgers unter der Karte her zu klauben ohne diese zu versauen. Unter anderen Umständen wäre diese Begegnung vielleicht ganz angenehm gewesen. Aber ich sitze hier im Trubel einer Tanke, versuche einen Burger zu essen solange er noch warm ist und meinen Kaffee dabei zu trinken. Und ich bin nass und kalt. Und im Augenblick will ich meine Ruhe. Die beiden sind durchaus freundlich. Aber für meinen Geschmack und die aktuelle Situation etwas zu aufdringlich. Aber sie lassen von mir ab. Ich winke ihnen noch freundlich hinterher und kann meinen Kaffee in Ruhe trinken.

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Weiter geht es von Sandnesjoen über die große Helgelandbrücke – ich bin seit geraumer Zeit in der Provinz Helgeland – zur Fähre Nr. 4. Die Helgelandbrücke ist ziemlich hoch. Eine geschwungene Auffahrt führt die Fahrbahn auf die Brücke die auch von sehr großen Schiffen unterquert werden kann. Es ist super windig und ich fahre in Schräglage die große Rampe zur Brücke hinauf. In Ihrem Windschatten ist es dann schlagartig ruhig. Aber ich weiss: Wenn ich den Scheitelpunkt der Brücke erreiche wird es mich wieder treffen. Und so ist es auch. Wie eine große Faust trifft mich der Wind genau von vorn als ich am höchsten Punkt der Brücke ankomme. Das ist heftig. Direkt hinter der Brücke geht es rauf in die Berge. Die Schneefelder fangen hier allerdings schon fast auf Meehreshöhe an. Nicht erst weiter oben wie im Süden. Als ich die Schilder „Kjettingsplass“ sehe, schwant mir böses. Ein „Kjettingplass“ ist eine große befestigte Haltebucht vor Passüberfahrten oder Hochebenen auf denen mit viel Schnee und Eis gerechnet werden muss. Hier hat man noch die Gelegenheit von der Straße runterzufahren und Schneeketten aufzuziehen. Bisher ware das „Kjettingplass“ Schild immer ein untrüglicher Hinweis darauf, dass es bald ungemütlich wird. Heute ist das nicht so. Ich fahre zwar immer höher, aber die Straßen sind gut und ich habe einmalige Ausblicke über Berge und Küstenlandschaft.

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Es es ist der Hammer. Hier sieht es überall so aus als ob gleich Gandalf um die Ecke geritten kommt. Dann die letzte Fähre des Tages, und die einzige auf der ich aufgefordert werde mein Motorrad zu verzurren. Der freundliche Einweiser hilft mir dabei. Notwendig wäre das nicht gewesen. Die Überfahrt ist ruhig und sonnig. Das war es mit den Fähren für heute. Und mir reicht es auch. Zu den Kosten: Die Überfahrten kosten zwischen 52 und 81 NOK. Da mir das Bargeld hier zwischen den Fingern verrinnt, habe ich vorgestern schon beschlossen wann immer es geht die Kreditkarte einzusetzen. Das ist hier total normal. Die Norweger setzen auch bei kleineren Beträgen konsequent Plastikgeld ein. Und tanken geht fast nicht anders. Also sollte man unbedingt eine VISA oder Master mit PIN dabei haben. Ich habe beides. Die EC Karte ist an den Tank-Automaten nutzlos. Ich war bisher immer einer der wenigen die an den Fähren oder im Supermarkt bar bezahlt haben. Nun denn, jetzt zahle ich auch überall mit Karte.

Bis zur nächsten Fähre sind es gut 100 Kilometer. Die nehme ich aber heute nicht mehr. Ich schaue ab jetzt nach einer Unterkunft. Die letzte Möglichkeit vor der Fähre wäre das „Polar Camp“ in Kilboghavn. Aber mir ist kalt und ich bin müde und ich werde die erste Gelegenheit nutzen die sich bietet. Doch jetzt zählt das alles nicht: Dieser Abschnitt ist der schönste den ich bisher gefahren bin. Mir fehlen die Worte zu beschreiben wie es hier aussieht. Auch die Handyfotos werden nicht mal den Hauch eines Eindruckes vermitteln können. Ich bin wirklich ein Glückspilz: Ich bin zwar schon ein paarmal nass geworden heute, und kalt ist es auch. Aber insgesamt fahre ich den FV17 bei grandiosem Wetter. Kein Dauerregen und kein Sturm sondern sehr oft Sonne. Und über große Strecken habe ich die Straße für mich allein.

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Etwa 15 Km vor Kilboghavn sehe ich ein Schild „Aldersund Motell & Camping“. Ich biege da ab und finde einen sympathischen Laden vor. Eine Hütte habe sie für heute Nacht. Nicht ganz „High Standard“, aber fast. Dafür etwas preiswerter. Der Landlord bietet mir noch an, morgen früh zum Frühstücksbuffet zu kommen. Natürlich für einen extra Obulus. Ich melde mich an. Dann beziehe die Hütte von der aus ich einen atemberaubenden Ausblick auf die Küste habe. Ich koche mir noch einen Kaffee und schreibe etwas. Dann liege ich früh im Bett. Ich bin total KO. Mein Schlafsack hüllt mich schnell in eine angenehme Wärme und ich schlafe sofort ein. Es ist nicht mal 21 Uhr.

Siebter Tag – In der Arktis

Sonntag, 5. Juni

„If the weather is good, a motorbike ride from here to Bodoe will be an experience“. Das sagt mir Helger beim Abschied vom Aldersund Motell & Camping. Er sollte recht behalten.
Heute bin ich um vier Uhr wach. Zu früh ins Bett gegangen. Die Sonne lacht schon vom blauen Himmel und es scheint ein wunderbarer Tag zu werden. Zu früh für‘s Frühstück. Und ein früher Aufbruch wäre sinnlos. Die erste Fähre ist nur ein paar Kilometer entfernt und sie geht erst um 10:30 Uhr. Also nochmal umgedreht. Um sechs bin ich wieder wach. Und nicht mehr müde. Die Sonne strahlt immer noch und es sind nur ein paar kleine Wölkchen zu sehen. Ich mache mir einen Kaffee und belade das Motorrad. Kurz vor sieben kommt der Landlord vorbei. Und das ist Helger. Er macht seine Morgenrunde und will gleich das Frühstück vorbereiten. Wir quatschen etwas. Er betreibt Genealogie und er erzählt mir, das ein Teil seiner Familie aus Hindelang in Bayern stammt und im späten 17. Jahrhundert erst nach Dänemark und dann nach Norwegen ausgewandert ist. Er ist 61 und hat im letzten jahr einen Tumor im Kopf überlebt. Er sagt, die Arbeit hier und seine Frau Ann-Christine seien sein Lebenselexier. Und er hätte sich angewöhnt nur noch nach vorne zu schauen. Ein netter und interessanter Mann. Halb acht bin ich beim Frühstück. Zunächst bin ich allein, dann kommen noch ein paar wenige andere Gäste. Helger und ich unterhalten noch ein wenig. Aber dann hält es mich nicht mehr. Das Wetter ist super und ich will fahren. Ich verabschiede mich von den beiden und starte. Nach ein paar Kilometern kommt ein Tankautomat. Ich mache das Spritfass voll und weiter geht es. Es ist toll.

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Die Stille

An einer besonders schönen Stelle halte ich an und blicke auf einen kleinen See. Und da ist sie. Sie war vorher auch schon da. Sie begleitet mich vermutlich schon seit ein paar Tagen ohne dass ich sie besonders beachtet hätte. Aber jetzt spüre ich ihre Anwesenheit ganz bewusst: Die Stille. Damit meine ich nicht die absolute Stille sondern die Abwesenheit jedes von Menschen gemachten Geräusches. Ich höre den Wind in im Wald, das Wasser und viele verschiedene Vogelstimmen. Identifizieren kann ich aber nur einen Kuckuck. Von Vogelstimmen habe ich keine Ahnung. Ich liebe das. Irgendwie stört mich sogar der Klick der Handykamera als ich ein Foto schieße. Und als ich nach ein paar Minuten aufbreche habe ich fast ein schlechtes Gewissen etwas so seltenes wie diese Stille zu verscheuchen als ich den Anlasserknopf drücke. Schon gut. Ich werde sentimental. Aber achtet mal drauf: Eine solche Stille wird sich bei euch zuhause selbst in der einsamsten Nacht nicht einstellen: Man hört immer das entfernte Rauschen eines Autos, das Gluckern in der Heizung, das Surren des Kühlschrankes und das Atmen des Hauses oder das Schnarchen des – ach lassen wir das. Viel zu früh bin ich an der Fähre.

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Anleger in Kilbogavn

Das Warten ist nicht schlimm. Ich sitze am Anleger in der Sonne und träume vor mich hin. Dann geht es endlich los.
Diese Fährpassage ist etwas besonderes für mich. Ein paar Minuten nach dem Ablegen erreicht das Schiff 66° 33′ 55″ nördlicher Breite. Den Polarkreis. Dann bin ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Arktis.

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Polarkreis

Ja, ich weiss das „Arktis“ nach neuerer Definition nicht mehr an den Polarkreis gebunden ist, sondern an Vegetationszonen. Und demnach fängt die Arktis in Norwegen deutlich weiter nördlich an. Mir egal: Ich bin Traditionalist. Ich bin gleich in der Arktis. Punkt. Und tatsächlich: Bald ertönt die Lautsprecherdurchsage. Zunächst auf norwegisch, und dann „Ladies and gentlemen. In a few minutes we are crossing the arctic circle“.

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So sieht er aus, der Polarkreis

Natürlich stehe ich vorne auf dem Deck mit gezücktem Handy um ein Foto zu davon zu machen. Ja von was denn eigentlich? Die imaginäre Linie wird wohl kaum aus dem Wasser auftauchen und posieren. Klar: Ich weiss dass eine Landmarke am Ufer sichtbar werden wird. Und das tut sie auch. Ein Globus auf einem Sockel. Kaum zu erkennen aus der Entfernung. Fast alle Fährengäste stehen an der Reling und machen wie ich ihre Fotos.

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Die Landmarke

Dann wird es plötzlich leise: Das vibrieren der Motoren hat ausgesetzt und die Fähre rauscht still durchs Wasser. Nach ein paar Minuten kommt die Durchsage: Wieder erst norwegisch. Dann auf Englisch: „We have some technical problems and had to stop the engines“. Das wars. Sonst nichts. Wir treiben. Die Leute von der Mannschaft rennen hektisch herum. Sonst geschieht nichts. Ausser das der Kahn sich dreht. Ich gehe in den Salon. Kaffee gibt es auch nicht mehr. Kein Strom. Sorgen mache ich mir keine. Das Wetter ist super und nur wenige Fahrgäste an Bord. Das Meer liegt spiegelglatt und freundlich da. Ausserdem vertraue ich den Fachleuten. Nach einer viertel Stunde gelingt es offensichtlich, einen Teil der Maschinenleistung wieder zu aktivieren und es soll jetzt zurück gehen. Da würde eine Ersatzfähre warten. So das Gerücht. Gesteckt haben es mir zwei Motorradfahrer. Einheimische die zu einer Sonntagsrunde aufgebrochen sind. Es wird gratis Kaffee verteilt. Dann aber dreht der Kahn wieder und läuft mit normaler Gewschwindigkeit unser Ziel an. Das hat ungefähr eine dreiviertel Stunde gekostet. Kein Problem. Die Fähre legt an und ich fahre die ersten Kilometer durch die Arktis.

Die Fähre

Die Fähre

Auch nicht anders als vorher. Aber es ist immer noch unbeschreiblich schön. Leider ist die nächste Fähre nur ein paar Kilometer entfernt. Und hier rächt sich die Verspätung. Die Besatzung macht Mittag. Ich warte eineinhalb Stunden. Zum Glück in strahlendem Sonnenschein. Aber frisch ist es trotzdem. Dann geht es endlich los. Diese letzte Passage für heute ist kurz: Vielleicht zehn Minuten. Und was dann kommt ist eine nochmalige Steigerung von allen tollen Eindrücken der letzten Tage. Nehmt es einfach so hin. Beschreiben kann ich die Ausssichten nicht die ich hier habe. Tip an alle die mal nach Norwegen fahren: Den FV17 müsst ihr gefahren sein. Mitunter wird ja behauptet es sei die spektakulärste Küstenstraße der Welt. Das kann ich nicht beurteilen. Aber es ist mit großem Abstand die spektakulärste die ich gefahren bin.

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  • Brücke über den Saltstraumen

Am Saltstraumen halte ich kurz an. Das ist ein sehr heftiger Gezeitenstrom. Auf den Fotos der Handykamera lässt sich das nicht erkennen. Da müsste man eine vernünftige Kamera dabeihaben und diese auch bedienen können. Weiter geht es nach Bodö.

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Yachthafen von Bodö

Hier will ich übernachten und morgen die Fähre zu den Lofoten nehmen. Die Hütte ist „Lowest Standard“. Aber was die Sache sympathisch macht ist, dass der Herr an der Rezeption das auch sofort so sagt. Dafür ist sie günstig. Und WLAN gibt es hier auch.

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Hütte in Bodö

Ich checke den Wetterbericht. Mir kommen Zweifel. Auf den Lofoten herrscht Mistwetter. Kalt und regnerisch. Ich überlege, die Fahrt in Richtung Norden hier abzubrechen und mich wieder in den Süden zu begeben. Dort ist für die nächsten Tage überall Sommerwetter angesagt. Und der Süden und Südwesten von Norwegen ist wunderschön. Ich könnte dort noch sehr viele Ecken entdecken an denen ich noch nicht war. Und das bei schönstem Wetter. Dann denke ich mir, dass ich so schnell nicht wieder hier oben bin und ich mich schwer ärgern würde hätte ich so kurz vor dem Primärziel Nr. 2, den Lofoten, aufgegeben.
Also mache ich einen neuen Plan. Ab Mittwoch soll der Dauerregen auf den Lofoten nachlassen und das Wetter sich in Richtung „durchwachsen“ ändern. Also denke ich mir, dass ich morgen übersetze und Dienstag das schlechte Wetter in einer Hütte aussitze. Mittwoch soll es dann weiter gehen. Wohin ist noch nicht ganz klar. Das Wetter macht die Planung schwierig. Erstmal drüber schlafen.

Achter Tag – Lofoten

Montag, 6. Juni

Um sieben Uhr bin ich auf. Ich habe mich gestern abend entschlossen, auf jeden Fall zu den Lofoten überzusetzen. Ob das klug ist muss sich zeigen. Eigentlich ist es ja nicht besonders clever sehenden Auges von gutem Wetter in Dreckswetter hineinzufahren. Ich buche mein Ticket online. Die „Torghattan Nord“ Reederei unterhält dazu ein Buchungsportal. Danach schaue ich, wo auf den Lofoten ich unterkommen werde. Die Unterkunft darf nicht zu weit von Moskenes, dem Ziel der Fähre entfernt sein, denn die legt erst nach 20 Uhr dort an. Der Plan ist, morgen einen Pausentag einzulegen um das schlimmste Wetter auszusitzen. Ich entscheide mich für Ramberg. Ich rufe da an und die nette Dame kann mir nur „High Standard“ zu sagenhaften 1050 NOK die Nacht anbieten. Da ich zwei Nächte bleibe und das Wetter saumäßig wird buche ich trotzdem. Wenn schon festsitzen dann komfortabel. In dem Preis ist allerdings Bettwäsche und Frühstück inklusive. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt muss ich noch in die Stadt. Seit gestern Nachmittag habe ich kein mobiles Internet mehr. Jeder Versuch eines Internetzugriffes wird mit der Umleitung auf eine Webseite quittiert die mir mitteilt, mein Volumen sei erschöpft. Das kann nicht sein. Ich habe ca. 400Mb verbraucht bisher. Die Karte beinhaltet 12 Gb. Nützt aber nichts. Ich teile meiner Firma das kurz mit und die wollen sich beim Anbieter beschweren. Da ich unbedingt unterwegs die Möglichkeit des Zugriffs auf unser Firmennetz benötige frage ich mich heute in Bodö durch, wo eine Pepaid-SIM zu kaufen ist. Ich lande in einem Laden von Telenor. Dort kaufe ich eine Karte mit 500NOK Guthabenvund 100NOK für die SIM. Mist. Draussen probiere ich die Karte aus. Sie funktioniert problemlos. Dieses Problem wäre also gelöst.

Das nächste Problem ist die Gammelei. Die Fähre heute geht erst um 16:30. Eine dreiviertel Stunde vorher muss man da sein. Bis dahin sind es noch ettliche Stunden. Und das Wetter verschlechtert sich zunehmend. Ich fahre zu einer Tanke und hole mir einen Kaffee und ein Hühnchensandwich. Das ist mir Salat und gegrillter Hühnchenbrust belegt. Schmeckt nicht so gut wie es sich anhört. Der Kaffee ist OK.

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Warten…Warten…Warten

Zum „Fergekai“ ist es nur ein kurzer Weg. Da stehen bereits ein paar Fahrzeuge. Zwei davon kenne ich. Die habe ich auch immer mal wieder auf dem FV17an den Fähren getroffen. Ich nehme die „reserved lane“ ganz rechts. Die ist für die Wartenden gedacht, die schon ein Ticket haben. Ich kann bis vorne durchfahren. Von der Straße aus hatte ich schon gesehen, dass es hier einen Warteraum mit Catering und WC gibt. Dorthin begebe ich mich. Es sitzen einige Backpacker und Radfahrer da rum. Ich bin der einzige Motorradfahrer. Etwas hektisch wird es in dem Raum als die „Finnmarken“ – ein Schif der berühmten Hurtigrouten – anlegt. Da wird die kleine Theke im Warteraum plötzlich gestürmt. Doch der Sturm geht schnell vorüber. Die meisten Passagiere der „Finmarken“ die das Schiff verlassen zieht es wohl in die Stadt. Dann kommt ein Pärchen herein. Er Norweger, so Ende 40, sie Deutsche, so Anfang 30. Sie kommen mit einer Menge Tolleys und einer riesigen Unterwasserkamera mit Scheinwerfern dran. Auch auf einem Trolley. Ich vermute mal ein Filmteam. Aber ich liege falsch. Es sind Meeresbiologen. In den nächsten Stunden erfahre ich viel über die weltweite Verbreitung einer bestimmten Seeigel-Spezies welcher der Mann schon seit Jahren auf der Spur ist. Weltweit. Ich erfahre das, weil er seiner hübschen blonden Begleiterin die ganze Wartezeit über darüber einen Vortarg hält. Sie scheint sich auch wirklich dafür zu interessieren. Sie fragt dauernd nach und will weitere Details die der Gute dann auch zum Besten gibt. Es gibt eben für alles Spezialisten.

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Kurz nach vier beginnt das Boarding. Es sind mittlerweile doch noch einige Motorradfahrer eingetroffen. Darunter eine Abteilung der „Gospel Riders“. So eine Art evangelikaler Mopedclub mit Missionsauftrag aus Finland. Mit merkwürdigen Kreuzsymbolen auf Kutte und Moped. Jeder wie er‘s mag.Ich fahre als erter auf die Fähre und muss mein Motorrad rückwärts auf den ersten der ausgezeichneten Mopedstellplätze rangieren und dann verzurren. Das geht problemslos.

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Jetzt hoch in die „Passengers Lounge“. Ich suche mir einen bequemen Platz und die Gammelei geht weiter. Für die nächsten vier Stunden. Ich komme mit einem Norweger ins Gespräch. Der wohnt auf den Lofoten und war mit seiner Frau – die so wie er auch Motorrad fährt – auf dem Festland für die Inspektion und einen neuen Satz Reifen für seine BMW 1200 (nein, nicht GS sondern endlich mal RT). Seine Frau hat auch eine. Er erzählt mir von den schönheiten der Lofoten und meint mit dem Wetter käme er schon klar. Er kenne es nicht anders. In den vergangenen zwei Wochen haben sie hier wohl Traumwetter gehabt. Ich bin zu spät. Nach dem Auslaufen eröffnet die Futtertheke.

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Passengers Lounge

 

Ich stelle mich an und ordere einen Hamburger mit Pommes und nehme noch einen Kaffee und ein Glas Wasser mit. Das Wasser ist kostenlos. Das habe ich hier schon an mehreren Stellen erlebt. Statt des Essens bekomme ich ein rundes schwarzes Ding. „What is this for?“ frgae ich, und die nette Serviererin antwortet „Oh, it blinks and makes noise when your meal is ready. Then you can come and get it“. Sowas habe ich noch nie gesehen. Aber es funktioniert. Irgendwann blinkt und piept das Teil, ich gehe zur Theke und tausche Piepser gegen Teller.

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Der Piepser

 

Die restliche Zeit verbringe ich mit lesen. Irgendwann tauchen im Nebel verschwommen die ersten Berge der Lofoten auf. Ich mache ein paar Fotos. Aber man sieht nur Grau. Bald kommt die Durchsage und es geht ab aufs Autodeck. Ich bin der letzte der seine Kiste los bindet und auch der letzte der von Bord fährt. Mir egal. Runter von der Fähre geht es in den leichten Nieselregen. Die Berge der Lofoten hängen in dichten Wolken. Ich muss ungefähr 30Km bis zu meiner Unterkundt fahren. Eigentlich eine schöne Strecke. Aber das Wetter…

Um 21:15 bei Kilometerstand 82225 stehe ich an der Rezeption der Ramberg Gjaestegard und checke ein. Ich bekomme die Hütte Nr. 8. Eine Niummer zu groß aber eine andere gibt es nicht mehr. Sie überlässt mir die Hütte aber zum vereinabarten Preis. Von dem zusätzlichen Schlafzimmer profitiere ich auch in keinster Weise. Die Hütte ist gut. Sie hat leider keinen großen Esstisch sondern nur eine Sitzgruppe mit Couch und Sessel und einen relativ niedrigen Wohnzimmertisch. Das Schlafzimmer ist sehr gut und Dusche/WC ebenfalls. Aus dem Fenster schaue ich auf den weissen Sandstrand der Ramberg Bucht. Es ist sehr schön hier. Ich packe aus was ich brauche. Dann schaue ich aus der Mediathek noch einen Tatort. Gelesen habe ich heute genug. Und schreiben will ich morgen.

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Hütte in Ramberg. Sehr OK

 

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Der Ausblick aus dem Fenster.

 

Kurz nach Mitternacht liege ich in dem sehr bequemen und angenehm duftenden Bett. Und schlafe schnell ein. Allerdings habe ich die Vorhänge zugezogen. Es war immer noch taghell. Hier ist seit Ende Mai Tag. Die Sonne geht nicht mehr unter. Aber sehen kann man sie heute auch nicht…

 

Neunter Tag – Grounded in Ramberg

Dienstag, 7. Juni

Es gibt eigentlich nichts zu berichten. Ich hänge fest. Bei diesem Wetter kann man nicht Motorrad fahren. Ausser man hat mit allem abgeschlossen. Es giesst in Strömen und es stürmt. Ich habe verschlafen. Nachdem ich ein paar mal viel zu früh wach war und mich immer wieder umgedreht habe weil es Frühstück erst ab acht Uhr gibt schlafe ich wieder so fest ein, dass ich erst um 9:50 wieder wach bin. Das ist zu spät. Frühstück ist von Acht bis Zehn. Egal. Für heute habe ich noch Vorräte dabei. Und Kaffee sowieso.

Nach dem Frühstück widme ich meine Zeit diversen Wetterdiensten. Übereinstimmend wird für morgen eine leichte Besserung gemeldet. Hoffentlich reicht das. Viel kann man auf so einer Hütte nicht machen. Also lese ich und schaue mir ein paar Folgen einer Serie an. Der Fernseher hier ist unnütz. Es gibt nur terristrischen Empfang: Zwei norwegische Programme. Und mein norwegisch hat Lücken. Aber es gibt ja WLAN und damit Internet Streaming. Auf Netflix und Amazon Prime kann ich hier zwar zugreifen, sie verweigern aber bei den meisten Serien und Filmen wegen der Rechtesituation das Streamen. Blöd. Aber ich weiss wo ich ansonsten was kriege. Ihr sicher auch….

Alle weiteren Entscheidungen vertage ich auf morgen.

Update:

Um Mitternacht wird der Sturm heftig. Ich schaue draussen ob das Motorrad noch steht. Das tut es. Es steht fest und sicher. Mein lieber Schwan, was ist das ungesellig draussen. Schnell wieder rein. Hier ist es warm und trocken. Ich gehe wieder ins Bett. Vielleicht erzähle ich morgen wann ich eingeschlafen bin.

Zehnter Tag – Grounded in Ramberg II

Mittwoch, 8. Juni

Ich verschlafe heute nicht. Obwohl es eine unruhige Nacht war. Ich war noch mehrmals auf. Der Wind tobt über die Bucht und um die Hütten. Es ist laut.

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Heute nacht, ca. 2:15 Uhr

 

Um 7:30 Uhr bin ich auf. Ich benutze die Dusche und überlege was ich mache. Draussen bläst es unvermindert. Der Dauerregen hat aufgehört und ab und zu zeigen sich blaue Löcher in der Wolkendecke und ein paar Sonnenstrahlen schaffen es durch mein Fenster. Aber trotzdem: Das Fahren bei dem Lüftchen kann man vergessen. 7-8 Bft gelten zwar noch nicht als Sturm, aber es ist kurz davor. Ich konsultiere diverse Wetterseiten und schweren Herzens entschließe ich mich, noch einen weiteren Tag abzuwarten. Die Zeit verrint unaufhaltsam. Meine Pläne die ich für die Lofoten hatte sind im Eimer. Aber ich kann es nicht ändern, also gelassen bleiben.

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Am Morgen ist es auch mal freundlich. Aber der Wind bleibt.

 

Ich gehe frühstücken. Das Buffet ist OK. Die haben sehr leckeren Lachs und der Kaffee tut gut. Ich gehe zur Rezeption und frage die freundliche Dame am Counter ob ich um einen Tag verlängern kann. Zu meinem Erschrecken sagt sie, dass es bedauerlicherweise nicht möglich sei. Ich bedanke mich trotzdem freundlich und spiele im Kopf schon diverse Möglichkeiten durch während ich mich umdrehe und gehe. Die Dame kommt hinter mir hergelaufen. Sie habe eine andere Lösung gefunden: Die Hütte die ich im Augenblick bewohne ist ab heute Nachmittag gebucht. Da ist nichts zu machen. Aber die Firma hat noch ein Rorbur am Hafen. Das ist frei und wenn ich will kann ich es bis morgen haben. Zum gleichen Preis. Allerdings gebe es da kein Internet. Puh. Das mit dem Internet ist mir reichlich egal, ich habe ja meinen mobilen Accesspoint dabei. Nur mit dem Streaming wird es da nichts. Darauf kann ich aber locker verzichten. Ich sage natürlich zu und sie gibt mir schon den Schlüssel und erklärt mir anhand einer Postkarte wo ich das Rorbur finde. Es ist am Hafen, am Ende einer Mole. Ein Rorbur ist ein kleines traditionelles Fischerhäuschen. Die findet man oft in Norwegen. Sie werden gerne von Anglern gemietet. Ich gehe zur Hütte, packe meine Klamotten und liefere den Hüttenschlüssel ab. Dann mache ich mich auf den langen Weg von ca. einem Kilometer und stehe vor dem Rorbur.

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Die Fahrt über die Mole war schon wüst. Der Wind ist wirklich heftig. Das Rorbur ist OK. Viel zu groß für mich, natürlich. Im Erdgeschoss ist Dusche/WC, im ersten Stock Wohnküche und zwei Schlafzimmer. Ich lade vom Moped nur ab was ich heute noch brauche und richte mich ein. Dann fahre ich noch schnell zum „Bunnpris“ – einer Supermarktkette – und versorge mich mit ein paar Kleinigkeiten. Heute gibt es Hühnchen mit Reis. Ich muss nicht mehr darauf achten, ob das was ich kaufe ohne Kühlschrank haltbar ist: Die Temperaturen die hier herrschen und die mich die nächsten Tage erwarten sind so gelagert, dass ich mich in einem Kühlschrank werde aufwärmen können.  Mein Topcase ist bereits jetzt schon ein mobiler Kühlschrank.

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Verhungern kann ich hier nicht: Jede Menge Stockfisch

 

Zurück im Rorbur koche ich Kaffee und dann wird gelesen. Am späten Nachmittag checke ich nochmal die Wetterseiten und schmiede Pläne für die nächsten Tage. Das warten hier macht mich nicht eben glücklich. Ich will fahren. Ich will in den Norden. Heute ist der dritte Tag an dem ich nicht weiter komme. Na gut: Vorgestern bin ich wenigstens mit der Fähre von Bodö bis hierher gekommen. Aber gefahren bin ich in den letzten drei Tagen weniger als 40 Km.

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Der Blick aus dem Rorbur

 

Aber morgen geht es über die Lofoten. Richtung Norden bis Harstad. Dort suche ich eine Unterkunft. Wie es von dort weitergeht entscheide ich morgen abend. Das wird der nächste D-Day. Von Harstad bis zum Kap sind es noch gut 800 Km. Ob ich mich auf den Weg dahin mache wird morgen Abend dort entschieden.

Elfter Tag – Endlich wieder unterwegs

Donnerstag, 9. Juni

Nach dem aufstehen muss ich erstmal aus dem Fenster schauen: Ja. Der Wind hat sich gelegt. Es ist bewölkt, aber regnen tut es nicht. Heute geht es weiter. Endlich! Ich packe die Klammotten und ab zum Frühstück. Das ist wie gestern wieder sehr gut. Die Ramberg Gjaestegard war super, aber ich bin froh das ich wegkomme.

Noch sieht alles gut aus

Noch sieht alles gut aus

 

Zunächst läuft alles prima. Ich habe die ersten zehn Kilometer brauchbares Wetter. Dann kommt es knüppeldick: Wind und Regen. Heftiger Regen. Kalter Regen. Es ist nicht witzig. Aber das Wetter auf den Lofoten ist ja bekanntermassen wechselhaft. Und so lerne ich es jetzt auch kennen: Mal stürmt und regnet es, mal ist es andersrum. Der Regen und der Wind wechselt öfter mal die Seiten. Mal kommt der Regen von oben und der Wind von der Seite, mal kommt der Wind von hinten und der Regen von rechts vorne. Und Hagel gibt es hier auch. Nur kurz, aber übel. Und wenn der Wettergott der Lofoten besonders gut drauf ist, lässt er alle seine Hunde gleichzeitig von der Leine: Regen, Wind, Hagel und Sonne. Genau das habe ich für ein paar Kilometer. Ich fahre in vermeintlichem Sonnenschein während ein anderer Teil des Himmels seine Schleusen öffnet. Nur geschneit hat es nicht. Ich frage mich woran das liegt. Vermutlich wird ein Lofoten-Fan sagen: „Du hast doch Super Wetter gehabt! Es hat überhaupt nicht geschneit! Und es waren satte fünf Grad. Manchmal sogar sieben. Bestes Lofotenwetter also!“. Ich habe da eher gemischte Gefühle. Eigentlich wollte ich vor dem Sloeverfjord-Tunnel die E10 verlassen und nach Melbu zur Insel Hadseloeya übersetzen um dann bis zur Nordspitze der Insel Langoeya zu fahren. Aber nicht bei dem Mistwetter. Ich beschließe, den Lofoten den Rücken zu kehren. Zwei Tage Dreckswetter habe ich ausgesessen, den dritten Tag bei ähnlichem Mistwetter im Mopedsattel verbracht. Ich werde direkt nach Harstad fahren. Ich werde morgen von Harstad aus nicht nach Andenes fahren. Sondern ich werde morgen früh die erste Fähre nehmen die mich von den „most beautiful islands in the world“ evakuiert. Und wenn die zum Nordpol fährt ist mir das auch egal. Nur weg hier. Dabei erahne ich an vielen Stellen durchaus die Schönheit der Inseln. Immer wieder staune ich über die Panoramen die sich hier bieten. Aber es ist leider alles Grau in Grau. Und vor allem sehr nass und sehr windig.

Vågan-Kirche, etwas großspurig als "Lofotenkathedrale" auf den Schildern angekündigt.

Vågan-Kirche, etwas großspurig als „Lofotenkathedrale“ auf den Schildern angekündigt.

 

Ich verlasse die E10 um zur Fähre Flesnes-Revsnes zu fahren. Auf den letzten paar Kilometern versuchen die Lofoten doch noch sich bei mir einzuschmeicheln. Der Regen hört auf und der Himmel reisst auf. Die Sonne scheint und im schönstem dunkelblau liegt der Gullesfjord rechts neben mir. Fantastisch. Vor mir hohe schneebedeckte Berge, und auf der anderen Seite des Fjordes ebenfalls. Ich fahre einen Parkplatz an um ein paar Fotos zu schiessen und ein paar Sonnenstrahlen zu geniessen. Was für eine Wohltat nach den letzten Stunden. Oder eigentlich Tagen. Auf der Fähre nehme ich erstmal einen Kaffee. Der tut auch sehr gut. Ich habe heute morgen meine Thermoskanne nicht gefüllt. Ich war wohl zu sehr auf das Frühstücksbuffet fixiert. Ich fahre im Sonnenschein von der Fähre. Noch ca. 40 Km bis Harstad. Nach drei Kilometern hat mich das Dreckswetter wieder.

Gullesfjord. In einer der paar schönen Minuten die ich heute hatte.

Gullesfjord. In einer der paar schönen Minuten die ich heute hatte.

 

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Es gibt Romantiker in Norwegen. Ich schwöre: ich war’s nicht.

 

Wie ich in einem anderen Beitrag schon einmal schrieb, empfinde ich die meisten norwegischen Städtchen als nicht gerade anziehend. Aber Harstad ist wirklich von ausgesuchter Häßlichkeit. Baustellen und Plattenbauten sind das erste was ich sehe. Ich tanke noch und fahre dan zum „Harstad Camping“. Die Rezeption ist nicht besetzt. Soweit nichts neues. Was aber neu ist: Hier gibt es einen Knopf den man drücken soll. Darüber ist ein Lautsprecher. Ich drücke also drauf, es kommt eine Ansage auf norwegisch und es wird deutlich hörbar eine Telefonverbindung aufgebaut. Es meldet sich Karl. Er gibt mir weitere Instruktionen. Er bewohnt ein Haus oberhalb des Platzes und bittet mich dorthin zu kommen. Das mache ich. Als ich dort ankomme steht er schon in der Tür. Ich buche eine einfache Hütte für eine Nacht und bezahle sofort (460 NOK). Er erklärt mir wo die Hütte liegt und sagt der Schlüssel würde stecken. Den solle ich wenn ich abreise in die grüne Box an der Rezeption einwerfen. Dann wünscht er mir noch einen schönen Aufenthalt.

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Campingplatz und Hütte in Harstad

 

Ich bin schnell an der Hütte. Sie ist vorgeheizt. Ich richte mich ein und fühle mich sofort wohl. Dann schaue mir die Umgebung an. Der Platz liegt direkt an der Küste. Sehr schön. Die sanitären Anlagen sind super. Und regnen tut es auch nicht mehr. Der Wettergott merkt wohl das er sein Ziel erreicht hat und legt seine Hunde wieder an die Kette. Und ich habe kapiert: Ich geh‘ ja schon. Morgen früh um acht geht die Fähre nach Soerollnes.

Zwölfter Tag – Norwegen ist groß

Freitag, 10. Juni

Um 6:30 weckt mich das Handy. Ich habe nicht besonders geschlafen. Die Hütte fand‘ ich eigentlich ganz angenehm, aber das Bett war mehr was für einen Fakir. Zwar keine Nägel, aber ein Brett. Knallhart. Die Matratze zu dünn und ich zu schwer für das Ensemble. Nun denn: Der Blick aus dem Fenster verheißt Gutes: Fast blauer Himmel. Zwei Achtel Bewölkung. Ich koche Kaffee und dann das zelebriere das übliche morgendliche Ritual: Klamotten packen, Moped beladen, Hütte klarmachen. Um 7:30 mache ich mich auf zur Fähre nach Soerollnes. Der Anleger ist höchstens fünf Minuten von hier entfernt. Ich bin schnell dort und reihe mich in die Schlange ein. Dann plötzlich denke ich mir, dass ich nicht die geringste Lust habe, über die Dörfer und mit Fähren bis Tromsö zu fahren. Heute will ich Kilometer machen. Im Kopf lege ich mir die Karte zurecht. Schwierig ist es ja nicht. Ich schere aus der Reihe vor dem Anleger aus und starte eine alternative Route. E10 bis Narvik, dann E6, abbiegen auf die E8 nach Tromsö und dann mit zwei Fähren wieder auf die E6 stoßen. Die hätte ich ab da sowieso nehmen müssen. Und daran kann der geneigte Leser jetzt erkennen dass die Entscheidung zum Kap zu fahren getroffen ist. Das war D-Day 2. Also auf zum Nordkap!

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Unterwegs auf der E10 in Richtung Narvik

 

Die E10 bis Narvik ist sehr schön zu fahren, aber nicht anspruchsvoll. Ich lasse es einfach laufen und genieße die tollen Panoramen die sich mir bieten. Kurz vor Narvik halte ich an um mir ein „Battle of Narvik 1940“ Memorial anzuschauen. Davon stehen hier einige an den Ausfallstraßen rund um Narvik. Bei Bjerkvik geht es weiter auf der berüchtigten E6, die hier oben aber absolut reizvoll ist. Der E6 folge ich dann bis Nordkjosbotn und biege ab auf die E8 nach Tromsö. Die Schilder an der Straße weisen den Weg als die „Nordlichtroute“ aus. Die Nordlichter sehe ich zwar nicht, aber es ist ebenfalls eine leicht zu fahrende Strecke mit wundervollen Aussichten. Gegen 13 Uhr treffe ich bei tropischen 12 Grad und Sonnenschein in Tromsö ein. Hier gibt es eine Menge Verkehr der sich vor der Brücke über den Tromsösund staut. Egal. Das Foto von der Eismeerkathedrale lasse ich aus. Tromsö ist eine relativ hübsche Stadt. Aber auch sehr quirlig und jede Menge Touristen frequentieren die Innenstadt. Am Kai liegen zwei große Kreuzfahrer. Ich fahre bis ins Zentrum und stelle die Pan vor der Bibliothek ab. Dann laufe ich ein paar Meter in die Grünanlagen und lasse mir dort die Sonne ins Gesicht scheinen. Dabei trinke ich den Rest Kaffee aus der Thermoskanne und denke darüber nach wie gut ich es habe.

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In Tromsö: Links die Brücke über den Sund, und ganz klein im Hintergrund die Eismeerkathedrale

 

Lange hält es mich hier nicht. Ich will Kilometer machen. Also weiter, auf in Richtung Alta. Dazu muss ich erst ein Stück des gleichen Weges auf der E8 zurückfahren den ich gekommen bin. Aber nach ein paar Kilometern biege ich dann auf die FV91 ab. Dieser bringt mich mittels zweier Fähren wieder auf die E6 bei Olderdalen. Bei der ersten Fähre habe ich Glück. Die Verladung ist schon fast abgeschlossen und ich husche noch knapp als letzter auf die Fähre. Ich bin noch nicht vom Moped abgestiegen schon legt der Kahn ab. Vor der zweiten Fähre fällt eine Wartezeit von knapp einer Stunde an. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem Umweg den man hätte fahren müssen würde es diese Verbindungen nicht geben. Am Anleger gibt es eine Tankstelle und ich mache den Tank bis zum Stehkragen voll.

In Olderdalen rolle ich von der Fähre und biege links ab auf die E6. Richtung Norden. Die einzige Himmelsrichtung die jetzt noch zählt. Auch hier bekomme ich eine interessante Ansage vom Navi: Ich soll im nächsten Kreisverkehr links abbiegen. In 212 Kilometern! Herrlich. Das Wetter ist recht angenehm, jedenfalls meistens trocken und so um die acht Grad. Der Wind hält sich in Grenzen. Die Fahrt verläuft bis auf ein paar nervige Baustellen ereignislos. Es geht immer am Wasser entlang: Kafjord, Reisafjord,Staumfjord und wie sie alle heißen.

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Das sind die Lachsbäume auf denen die leckeren geräucherten und gebeizten norwegischen Lachse wachsen. Wenn die Lachse reif sind werden Sie gepflückt.

 

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Meine Hütte hat einen achteckigen Grundriss

 

Nach mehr als 500 Km suche ich mir gegen 19 Uhr eine Hütte. Ich lande beim „Arctic Fjord Camp“ am Burfjord. Ich bekomme eine Hütte für 800 NOK mit der ich sehr zufrieden bin. Sehr angenehm. Ich nehme eine Dusche und dann kriege ich keinen Finger mehr krumm. Ich lege mich in eines der sehr bequemen Betten und bin sofort weg.

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