Ich habe gestern einen netten Platz gefunden. Westlich von Lom. Schnell ist dort mein Zelt aufgebaut und früh liege ich im Bett. Meine Gedanken kreisen um Martin, seinen Weg zur Fähre und warum das alles so sein muss.
Heute morgen um 10 bin ich abfahrbereit. Noch einen Kaffee, noch eine Zigarette, noch einen kurzen Schwatz mit dem Landlord und um 10;30 geht es los. Es ist großartig. Ich fahre heute das Sognefjell. Eine Strecke die ich mit Rücksicht auf Eva und Nartin aus meinen Planungen rausgelassen hatte. Jetzt bin ich allein. Jetzt fahre ich wohin ich will. Aber bevor hier falsche Gedanken aufkommen: Martin fehlt. Und ich würde diese Dreckstrecke sofort im Austausch für seine Gegenwart sausen lassen. Nun ist es, wie es ist. Ich versuche aus der Situation das Beste zu machen.
Ich fahre auf das Sognefjell. Skandinaviens höchsten befahrbaren Pass. Über 1.400m hoch. In Lom ist der Abzweig auf den Fv55. Oder auch „Schneestraße“ wie dieser Teil der Straße auch genannt wird. Erst seit einer Woche ist die Wintersperre für den westlichen Teil der Passtraße aufgehoben. Der östliche Teil ist ganzjährig befahrbar. Da oben ist ein Skigebiet. Da gibt es Skihütten und ein paar Hotels. Bei angenehmen Temperaturen steige ich auf die Fjellstraße ein.

Ich habe etwas Angst. Oder besser ich habe die Befürchtung, dass es kalt wird. Ziemlich kalt. Und schneereich. Noch fahre ich zwiscchen grünen Wäldern und Wiesen, aber in der Ferne sehe ich die majestätischen Berge des Fjells. Groß und leuchtend weiß. Was mich etwas beruhigt sind die Mopedfahrer die mir entgegen kommen. Die haben das Fjell hinter sich. Also bin ich nicht der einzige bekloppte der mit dem Moped so früh im Jahr da rüberfährt.
Die Straße zieht sich immer weiter in die Höhe. Bald habe ich die Baumgrenze hinter mir und die ersten Schneefelder tauchen auf meiner Höhe auf. 8 Grad noch. Bei 17 Grad bin ich in Lom gestartet. Ich habe mich warm angezogen. Und ich weiss, dass die gesamte Straße mit Auf- und Abstieg nur gut 70 Kilometer hat. Also wird es auszuhalten sein. Und das ist es. Die Schneefelder werden zu Schneewänden rechts und links der Straße. Aber wesentlich niedriger als ich vermutet hätte. Und die Sonne scheint. Nach einer großartigen fahrt stehe ich an der Passhöhe. 1.408m. Hört sich wenig an. Und verglichen mit der Höhe der Passtraßen in den Alpen ist das wenig. Da bin ich deutlich höhere gefahren. Allerdings darf man nicht vergessen, dass hier die Startpunkte der Passtraßen nahe bei normal null liegen. In den Alpen startet man schon deutlich höher. So sind die zu überwindenden Höhenmeter nicht weniger als die von so manchen Pass in den Dolomiten. Kurz nach der Passhöhe mache ich Kaffepause. Bei 2 Grad.

Und stahlendem Sonnenschein. Hier stehen ein paar Schneeraupen rum und ein Motorschlitten. Der Schnee leuchtet weiss, aber es taut. Nach einer Tasse Kaffee aus der Thermoskanne geht es weiter. Noch eine ganze Zeit lang auf dem Fjell, dann beginnt der Abstieg.

Die Straße ist mit Steilkurven und Serpentinen gespickt. Was für ein Spass. Und dann das: Mir kommt eine Horde Harleys entgegen. Nun gut, jeder Jeck ist anders. Und es gibt eben auch Mopedfahrer die sich als „Biker“ bezeichnen und Ihre Mopeds „Bikes“ nennen. Und die Fahrer von amerikanischem Schwermetall gehören dazu. Zwei aus der Gruppe erfüllen jedes Klischee: Zuerst sehe ich nur einen Vorderreifen und Füsse. Die haben Fussrastenanlagen die extrem weit nach vorn und nach oben gelegt sind. Und ihren Führerschein haben die beiden wohl an der gleichen Schießbude geschossen, von der sie auch die Deko für ihre gepimpten Kirmeskarren her haben. Sie fahen auf meiner Straßenseite! Und sie und kriegen einen Schrecken als sie mich wahrnehmen. Penner. Ich muss eine Vollbremsung hinlegen und auf den fast nicht vorhandenen Seitenstreifen ausweichen. Beinahe hätte ich mich hingelegt. Und ich war nicht schnell. Der hintere der beiden Idioten hupt auch noch. Deppenpack. Kauft euch ein Dreirad, ihr Dilettanten. Vom Schreck erholt, geht es weiter und dann so richtig abwärts. Bald bin ich in einem wunderschönen grünen Tal und erreiche Skolden am Lustafjord, einem Ausläufer des Sognefjordes.

Noch ein paar Kilometer und ich will tanken.
An einer Tanke halte ich an. Und was soll ich sagen: meine Visa Karte ist weg. Unauffindbar. Schei***. Wie konnte das passieren? Ich bin damit immer sehr vorsichtig. Ich habe sie zuketzt gestern abend auf dem Campingplatz benutzt. jetzt ist sie weg. ich durchsuche meine Sachen. Und nochmal durchsuche ich meine Sachen. Sie bleibt verschwunden. Und jetzt die immerhin etwas gute Nachricht: Der tankautomat akzeptiert meine EC Karte. Bei meiner Tout vor sieben Jahren ging das nirgendwo. Immerhin. ich hole mir einen Kaffee an der Tanke. Dann nehme ich mein Smartphone zur Hand und versuche rauszukriegen, was ich tun muss um die Karte zu sperren. Es gibt von Visa ein Verzeichnis mit Nummern für fast alle Länder der Welt in denen Visas akzeptiert werden. Ich rufe die die Nummer für Norwegen an. nach der üblichen durchtipperei durch ein Sprachmenü lande ich in einem Callcanter und habe eine nette Dame am Ohr. Die ist nett, spricht aber einen mir unbekannten englischen Dialekt. Ich verstehe fast nichts. Immerhin: Visa hat für soclhe Fälle einen Dolmetscheservice. Nach ein paar Minuten klinkt sich ein Dolmetscher in unsere Leitung ein und übersetzt simultan. Jetzt läuft es. Nach ein paar Minuten ist alles erledigt. Die Karte ist gesperrt. Aber trotzdem: Allmählich reicht es mir mit den Problemen auf dieser Tour.
Es geht weiter. An einem schönen Aussichtspunkt am Lustafjord halte ich an. Ich mache ein paar Fotos, gehe zum Moped zurück und rutsche auf dem Schotterweg aus. Ungefähr eineinhalb Meter tiefer finde ich mich auf dem Bauch liegend in einem Busch. Es wird immer besser. Irgendwie hat sich beim Sturz mein Unterschenkel verdreht Und mein Knie schmerzt. Was für ein Mist. Das fehlte noch. Aber noch denke ich mir nicht viel dabei.
In Hella nehme ich die Fähre. Es ist ein wundervoller Abend und die Sonne lässt den Sognefjord leuchten.



Auf der Fähre nach Vangsnes treffe ich einen Wanderer der mir erzählt, dass es auf einem Hügel un der Nähe des Fähranlegers eine Statue gibt, die Kaiser Wilhelm II den Norwegern geschenkt hat. Die wurde 1913 hier im Nirgendwo aufgestellt. Von der Fähre aus kann man die tatsächlich erkennen. Runter von der Fähre fahre ich hin und schaue mit das Ding an. Es handelt sich um die Dasrstellung einer norwegischen Sagengestalt namens „Fritjolv“. Das Ding ist riesig und hässlich. Ganz im Stil der wilhelminischen Zeit. Aber der Ausblick von hier oben über den Fjord macht das wieder wett. Gegen diese Landschaft hat dieses hässliche Monstrum zum Glück keine Chance.

Seit einiger Zeit macht sich mein Knie schmerzhaft bemerkbar. Der Sturz war war wohl nicht so folgenlos, wie ich dachte. Schaun‘ mer mal.
Ich fahre bis zum gewählten Campingplatz (den Martin und ich von der Hinreise kennen) und nehme eine Hütte für heute Nacht.
Dann buche ich für morgen eine Hütte in der Nähe von Bergen. Denn da will ich morgen hin um mir die Stadt nach so vielen Jahren nochmal anzuschauen.
Pustekuchen. Im Laufe des Abend schwillt mein Oberschenkel an und in meiner Kniekehle schmerzt es. So ein Mist. Am späten Abend und in der Nacht wird es schlimmer. Ich werde morgen nicht fahren können. Ich kann kaum laufen. Was kommt als nächstes? Ich storniere die Buchung für morgen. Ich beschließe, hier einen Tage zu bleiben. Ist wunderschön hier und ich hoffe dass es dann wieder geht. Wenn bis morgen Abend keine Besserung eingetreten ist oder gar eine Verschlechterung vorliegt, muss ich meine Krankenversicherung anrufen und die wird sich um einen Arzt hier kümmern müssen. Ich denke, das Bein kann man schmerzfrei Spritzen, zumindest so weit, dass ich nach Hause fahren kann.
Jetzt ist erstmal Bettruhe angesagt. mehr zu alledem morgen.
In dieser Tour steck der Wurm drin….
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