Kilometerstand 80855.

Um sechs Uhr Früh bin ich auf. Ich mache mir ein kleines Frühstück. Etwas von der Salami von gestern mit einem halben Baguettebrötchen und eine Banane. Und Kaffee. Mein Gaskocher ist super. Und auch die Anschaffung des faltbaren Silikon-Kaffeefilters rechtfertigt sich nun: Wirklich ein feines Teil. Ich fülle natürlich auch die Thermoskanne.

 

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Kocher und Silikonfilter im Einsatz

 

Danach mache die Hütte klar und halte noch einen kurzen Plausch mit meinen Hüttennachbarn. Zwei Schweden aus Göteborg. Die fahren beide eine neue 1000er Versys. Schöne Motorräder. Die habe hier den nördlichsten Punkt ihrer Reise erreicht. Gestern sind sie wie ich von Geiranger zur Trollstigen gefahren und machen sich nun auf, den gleichen Weg zurückzufahren.
Ich will heute bis Trondheim. Ich möchte aber einen Umweg über die berühmte Atlantikstraße, den „Altlanterhavsveien“ nach Kristiansund machen. Den Hüttenschlüssel werfe ich in den Briefkasten da die Rezeption noch nicht besetzt ist. Das wird hier überall so gehalten wie ich mittlerweile festgestellt habe. In Andalsnes tanke ich noch und los geht es in Richtung Molde. Dazu fahre ich zunächst bis zum Anleger der Fähre Afarnes-Soelsnes und warte auf die Fähre. Nach kurzer Überfahrt geht es weiter Richtung Molde. Ich überquere die elegant geschwungene Brücke zum Inselchen Bolsoya und fahre dann in den Tunnel der die Insel mit Molde verbindet.

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Brücke nach Bolsoya

 

Kurz vor der Brücke halte ich an um ein Foto zu machen. Aus der Gegenrichtung kommen zwei Motorradfahrer die das gleiche vorhaben. Wir halten einen kurzen Schwatz. Sie kommen aus Bremen und haben in Molde übernachtet. Jetzt fahren sie zurück. Sie hätten bisher nur Regen gehabt auf ihrer Fahrt und das sei ihr erster trockener Tag. Der Ältere der beiden war schon 15 mal mit dem Motorrad in Norwegen wie er mir erzählt. Wir trennen uns und bald bin ich in Molde: „The Town of Jazz and Roses“ wie sich Molde selbst nennt. „Jazz“ wegen des traditionsreichen jährlichen Jazzfestivals, „Roses“ wegen des vergleichsweise milden Klimas das hier noch Rosen gedeihen lässt. Ich habe aber keine gesehen. Ich war 1992 schon mal hier. Damals mit Christian und Petra. Die hatte hier einen sündhaft teuren echten Norwegerpullover gekauft. Die werden hier auch produziert. Die Stadt durchquere ich aber nicht sondern fahre direkt weiter zur Atlantikstraße. Hier war ich schon zweimal. Dass ich diese Strecke gewählt habe ist so eine Art Nostalgietrip. Die Atlantikstraße selbst ist nicht halb so spektakulär wie oft beschrieben.
Das Wetter ist hier durchwachsen: Dicht bewölkt, windig und kühl. Aber trocken. Und das ist das wichtigste. Schon ab Eide macht mich mein Navi kirre. Wo das überall hin will. Ich kenne die Strecke und habe die Karte grob im Kopf. Zunächst ignoriere ich die Anweisungen des TomToms, dann irgendwann schalte ich es ab. Hier kann ich ich nicht verfahren. Obendrein ist alles gut ausgeschildert. Auf der Atlantikstraße ist es wie zu erwarten war sehr windig. Ich fahre in Schräglage geradeaus. Allerdings in wechselnden Schräglagen. Der Wind scheint aus allen Richtungen zu kommen und ist sehr böhig. Das ist äußerst unangenehm. Zum ersten mal hier in Norwegen sehe ich jetzt das offene Meer. Kein Fjord sondern die äußere Küste. Hier kommt bis Island nichts mehr. Die Wellen schlagen schwer an die steinigen Ufer und ich rieche und spüre die Gischt. Das ist schön, wenn auch kühl. Das eigentlich obligatorische Standardfoto von der Storseisundbrücke habe ich mir geschenkt.

Gegen Mittag bin ich auf Ekkilsoya. Hier war ich vor vielen Jahren – das genaue Jahr habe ich nicht im Kopf – mal zwei Wochen angeln. Das liegt kurz vor Kristiansund. Ich erinnere mich, dass wir damals die Fähre nehmen mussten um nach Kristiansand zu gelangen. Jetzt gibt es einen Tunnel. Der ist Mautpflichtig und es kostet 61 NOK ihn zu benutzen. Ich unterquere also den Fjord und bin in Kristiansund. Mein Magen meldet sich. Ich habe zwar ein kleines Frühstück gehabt, und gestern Nachmittag noch das Picknick Fjord. Aber mein letztes warmes Essen habe ich am Sonntag Mittag auf der „Color Magic“ gehabt. Also beschließe ich es mal richtig krachen zu lassen und steuere den „Burger King“ von Kristiansund an. Ein Doppelwhopper wird bestellt. Nebst Pommes und als Softdrink eine Cola Zero. Dazu noch Mayo. Der Spaß kostet knapp 130 NOK. Und die Pommesportion ist erschreckend klein. Es schmeckt wie so ein Whopper eben schmeckt. Ich nutze das WLAN des Burgerladens und schaue mal den Wetterbericht und die neuesten Nachrichten. Das Wetter Zuhause ist ja katastrophal! Wenn man also gutes Wetter haben will: Knapp 1.500 Kilometer nördlich kann man es haben: Hier scheint jetzt die Sonne. Die Wolken lösen sich mehr und mehr auf. Wunderbar.

 

 

 

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In Kristiansund

 

Ich will heute noch bis Flakk fahren, das ist kurz vor Trondheim. Von dort geht die Fähre zur Halbinsel Fosen. Dort gibt es auch das „Flakk Camping“. Mein Tagesziel.
Doch zunächst geht es erst mal raus aus der Stadt. Ich fahre nach Kanestraum um die Fähre nach Halsa zu nehmen. Das Fahren mit der Fähre wird mitterweile zur Routine. Diese Überfahrt ist jedoch besonders schön: Die Sonne scheint und der Halsafjord schimmert tiefblau und ist spiegelglatt. Eine Postkartenaussicht. Nur viel schöner. Diese Fähre ist relativ groß und hat ein Aussichtsdeck. Dahin gehe ich jetzt und geniesse diese kleine Schiffsreise.

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Fähre über den Halsafjord

 

Noch vor zwei Tagen wagte ich nicht, von so einem Wetter zu träumen. Und jetzt ist es da. Und es bleibt. Zumindest für heute: Ich verlasse die Fähre und fahre die E39 Richtung Trondheim. Die Fahrt ist mit Worten ebenfalls kaum zu beschreiben. An dieser Strecke fehlen die spektakulären Auf- und Abfahrten, keine verrückten Brücken und dramatischen Aussichten. Die äußerst gute Straße schlängelt sich entlang des Vinefjordes. Nie lange geradeaus, sondern immer in leichten Kurven, mit sanften Steigungen und Gefällen. Und das bei strahlendem Wetter. Herrlich. Ich gerate in den Flow. Das Fahren geht von allein und ich kann die Landschaft und die Ausblicke über den Fjord geniessen. An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich beim norwegischen Verkehrsministerium bedanken, dass mir diese Straße zur exklusiven Nutzung an diesem traumhaften Nachmittag zur Verfügung gestellt hat. Was für ein Unterschied zu den letzten beiden Tagen. Aber alles hat seinen Reiz. Vor allem die Kontraste.

 

 

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Pause an der E39

 

bekloppt

Und dann noch dieser Verrückte. Natürlich legt er einen heftigen Kavalierstart hin.

 

Kurz vor Orkanger mache ich eine Pause. Ich überlege, ob es eine gute Idee ist bis Flakk zu fahren. Denn wenn der Platz geschlossen ist muss ich fast 30Km zurück. Ich beschließe, es zunächst am Campingplatz von Oysand zu versuchen. Das ist kurz vor Trondheim. Sollte ich da nichts kriegen oder sollte der geschlossen sein dann fahre ich weiter nach Flakk. So der Plan.

Vor erreichen des Zieles tanke ich noch. Aus einiger Entfernung sehe ich in einer Ecke der großen Tankstelle ein paar Sitzgruppen an denen einige Motorräder stehen und ihre Fahrer wohl Pause machen. Beim näheren hinsehen erkenne ich ein schönes Motorrad: Scheint eine nagelneue Triumph T120 zu sein. Naja: Wohl etwas gepimpt. Mit Kickstarter und auffälligem Luftfiltergehäuse rechts. Ich gehe näher ran: Sie glänzt in der Sonne als ob sie eben vom Band gelaufen wäre. Moment: Die hat eine Trommelbremse vorne. Ich schaue noch genauer hin: Es ist keine neue T120 sondern eine originale T90 aus den 60er Jahren. Hammer. Und dann schaue ich mir die anderen Motorräder an: Eine 600er BSA, ebenfalls 60er Jahre, eine Norton Commando aus den 70ern, und eine Triumph Trophy. Daneben eine Honda Seven Fifty ebenfalls über 40 Jahre alt.

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Triumph

 

Manches Museum wäre froh diese Teile in diesem Zustand zu besitzen. Ich frage die Besitzer ob ich Fotos machen darf was sie mir mit einem gewissen Besitzerstolz in der Stimme erlauben. Es ist eine Versammlung von älteren Herren die sich hier wohl verabredet hat um ihre Schätze auszuführen. Ich sage noch: „These vintage machines are really beautiful“ und zurück kommt ein lachendes „And so are their drivers!“ Dann kommt noch eine „Ariel“ in original Weltkriegsoutfit angefahren. Unglaublich. Aber ich muss weiter. Es wird spät.

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BSA

 

Oysand ist geöffnet. Der freundliche Herr an der Rezeption händigt mir den Schlüssel für meine Hütte aus und zeigt mir auf dem Lageplan wo die ist. Ich hätte mich auf mein Bauchgefühl verlassen sollen: Schon als ich zum Campingplatz abgebogen war wirkte das ganze Areal total unsympathisch auf mich: Die Lage: Mitten in einem Industriegebiet. Unterhalb der E6. Der Platz: Überwiegend staubiger Schotter mit ein paar Grasinseln darin. Die Hütten hinter einer Biegung konnte ich noch nicht erkennen. Sonst hätte ich sofort das Weite gesucht. Nun denn: Ich fahre zur Hütte Nr. 11. Ich habe aus Protest kein Foto davon gemacht. Ein schäbiger Holzschuppen der nicht mal über sowas wie einen kleinen Freisitz verfügt. Ein Unding in Norwegen. Bis zum Waschhaus/WCs sind es gefühlte fünf Kilometer (nein: in Wirklichkeit etwa 150m). Ich schließe die Tür auf und es kommt mir ein stechender Geruch entgegen: So eine Mischung aus Essig, Desinfektionsmittel und Plastikweichmacher. Also geputzt wird hier. Aber eine derart schäbige Ausstattung habe ich noch nie in einer Hütte gesehen: Die Stühle sind ein Sammelsurium von Schulstühlchen verschiedener Größe, der Tisch eine Sperrholzplatte mit aufgeklebtem Papier. Die Betten OK. Decken und Kissen sind aus einem merkwürdigen Material: So eine Mischung aus Kunstfaserwatte und Filz. Federleicht. Aber ich habe ja mein eigenes Zeug. Die Tür kann man nicht schließen. Denn sofort steht man dann in diesem unglaublich scharfen Geruch.

Und etwas Verrücktes: Auf dem Tisch liegt abgepackte Einweg-Bettwäsche aus 100% Polyester. Benutzbar für bis zu fünf mal so die Aufschrift. Wie ich schon sagte: Alles sehr schäbig hier, aber sauber. Und echt ätzend. Ich ärgere mich dass ich nicht bis Flakk gefahren bin und beschließe, mich hier nur so kurz wie möglich aufzuhalten. Ich gehe früh zu Bett und schlafe schnell ein.