Ich habe gut geschlafen. Um 6:30 geht der Wecker. Ich bin sofort auf und schaue was das Wetter macht. Es regnet nicht, aber trocken ist anders. Dichte Nebelschwaden hängen über dem Fjord und der Campingwiese. Alles tropft, alles ist klamm. Meine Klamotten zum Glück nicht. Die sind alle warm und trocken. Nach der Dusche koche ich Kaffee und mache auch die Thermoskanne voll. Ich belade das Motorrad und räume kurz die Bude auf. Es war eine gute Unterkunft zu einem fürstlichen Preis. Aber ich habe mich hier gut von dem gestrigen Mistwetter erholt. Kurz vor 8 starte ich die Pan und bin wieder auf Tour. Heute soll es über mehrere Fjells bis Utvik, Stryn und Geiranger gehen. Von dort aus nach Eidsdalen und mit der Fähre nach Linge. Zirka 25 Km vor dem Trollstigen gibt es einen Campingplatz mit Hütten. Im Gudbrandsdal. Da soll es hingehen. Nachdem ich die Ortsausfahrt von Sogndal hinter mir gelassen habe, sagt das Navi, dass ich im nächsten Kreisverkehr links abbiegen soll. In 61,7 Kilometern. So mag ich das. Eine Zeitlang zieht sich die Strecke am Fjord entlang, dann geht es ins Gebirge. Ich sehe die wolkenverhangenen Gipfel und die Schneefelder in großer Höhe über mir. Aber die kommen schnell näher. Und richtig: Es wird kalt kalt kalt. Schnee bis an der Straße, zugefrorene Seen und Flüsse. Zum Glück kein Regen, aber ständiger Nebel bzw. Wolken. Die Kälte kriecht durch die Klamotten. Und dann die Tunnels: Lang, dunkel und kalt wie eine Kühltruhe. Davon habe ich jede Menge auf meinem Weg. Aber ich genieße auch grandiose Panoramen. Der Fahrspaß kommt wie schon gestern etwas zu kurz. Die Straßen sind nass, schmierig und in durchwachsenem Zustand. Unvermittelt tauchen Längsrillen von der Breite eines Ölfasses auf und der Frost hat in der Decke seine Spuren hinterlassen. Ich muss aufpassen wie ein Luchs. Das Fahren ist anstrengend. Verkehr gibt es nur wenig. Überwiegend LKWs, die mich jedes mal mit einer breiten Gischtfahne einhüllen wenn sie mir entgegen kommen. Super. Aber immerhin: Es regnet auch weiterhin nicht. Ich brauche Sprit. Die Anzeige sagt mir ich kann noch 75 Kilometer fahren, aber ich nehme den ersten Tankautomaten der kommt. Automaten gibt es hier einige. Die stehen mitten in der Pampa und man kann mit Kreditkarte da tanken. Eine gute Sache.
Am Gletscher Boyabreen mache ich Pause und schlürfe Kaffee aus der Thermoskanne. Ich bin so froh dass ich die doch mitgenommen habe. So behalte ich trotz der nassen Kälte meine gute Laune. Vom Gletscher sehe ich nur ein paar Ausläufer bläulich schimmernden Eises. Aber was auch sonst: Man spürt seine Nähe durch die Kälte. Sagte ich schon, dass es hier echt kalt ist? Und mein Magen meldet sich. Ich habe Hunger. Seit dem Frühstück auf der Fähre gestern morgen habe nichts mehr
gegessen. Ich werde mir bald was zu Essen besorgen. Kurz vor Skei: Eine Ziegenherde ohne Hüter auf der Straße. Sachen gibt’s. Keine zwei Kilometer weiter wird es noch besser: Im Nebel taucht links ein Parkplatz auf, auf dem steht Klaus. Und sein Deutz, Baujahr 1969. Klaus ist Rentner und seit vier Wochen mit Trecker und selbstgebautem Wohnanhänger unterwegs zum Nordkap. Bis September will er wieder zuhause sein.
Er war in jüngeren Jahren auch viel mit dem Motorrad unterwegs erzählt er mir. Nach einem netten Plausch mache ich noch ein Foto und er erlaubt mir es ins Internet zu stellen. Ein netter Typ.Vielleicht etwas verrückt, aber nicht verschroben. Wir geben uns kurz die Hand und wünschen uns gegenseitig eine gute Fahrt. Kurz nach dieser Begegnung passiert es: Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken. Wahnsinn. Das es sowas hier gibt. Aber es hält nicht lange: Schon seit geraumer Zeit fahre ich wieder bergauf und lasse bald die Baumgrenze hinter mir. Die Aussichten sind gigantisch. Es ist atemberaubend. Und – was sonst – es ist kalt. Und noch kälter. Aber ich glaube ich erwähnte das schonmal…. Es ist hier echt kalt. Dann die Abfahrt. Es wird wärmer. Und die Sonne kommt raus. Ist das eine Wohltat. Unten am Fjord sind die Straßen trocken und ich kann sogar die Heizgriffe abschalten. Das Fahren wird zum echten Spaß. Im Fjord bei Stryn liegt die „Emerald Princess“ und gefühlte 10.000 Touristen rennen durch das kleine Dorf. Aber das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf Geiranger. Die Strecke nach Geiranger ist spektakulär. Wieder rauf aufs Fjell, aber diesmal mit Sonnenschein und immerhin 12 Grad. Sonne ist toll.
Auch hier Schnee und Eis bis an die Fahrban. Aber die Strasse ist trocken und die Fahrt ein wahres Vergnügen. Die Abfahrt vom Fjell hinunter nach Geiranger ist kaum zu toppen. Gefühlt hunderte von Serpentinen und eine gute Straße. Was für eine Fahrt. Nach dem Hochgenuss folgt jetzt der etwas unschönere Part: Reisebusse. Dutzende. Die bringen die Kreuzfahrer von Geiranger zum Dalsnibba oder auch nur bis zum ersten Aussichtspunkt über dem Dorf. Ich will nicht meckern. Schließlich bin ich auch Touri und auch hier in Geiranger. Aber zuviel ist zuviel. Ich halte unten nur kurz an. Die Hektik und die vielen Busse und Menschen stören mich. Ich fahre weiter. Die Adlerstraße hinauf. Am berühmten Aussichtspunkt dort mache ich auch meine Fotos. Zusammen mit hunderten von Franzosen und Chinesen
Geiranger: Du bist schön. Aber man muss dich mit zu vielen anderen teilen. Nichts für mich. Achja: Ich habe noch mehr Hunger.
Ich fahre bis Eidsdal. Dort will ich die Fähre nach Linge nehmen. Nahe beim Anleger gibt es einen Coop Supermarkt. Endlich: Das hungern hat ein Ende. Erstaunlich wie anspruchslos man wird wenn man Hunger hat: Ein Päckchen Salami, zwei Baguettebrötchen, eine Flasche Mineralwasser und zwei Bananen. Dann noch ein „Coffe to go“ aus dem Automaten der erstaunlich gut schmeckt und ich mache es mir am Fähranleger bequem. Ich speise nicht eben wie ein Fürst, aber bei dieser Aussicht würde ich mit niemandem tauschen wollen.
Dann ab auf die Fähre. Mein Tagesziel ist nur noch 15km entfernt. Schließlich will ich morgen früh die Trollstigen hinunter fahren. Eines der Highlights der Tour und einer der Gründe warum ich mit dem Motorrad hier bin. Ich will zum Gjaerde Camping und mir eine Hütte für die Nacht nehmen.
Aber es kommt anders. Gjarde Camping ist geschlossen. Schei***. Was nun? Ich kann zurückfahren. Ich bin an mindestens zwei anderen Plätzen mit Hütten vorbeigekommen. Nix da. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Das heisst, ich werde heute noch den Trollstigen fahren. Lieber Himmel. Aber was solls: Dem Moped die Sporen gegeben und rauf aufs Fjell. Sagte ich schon, das auf den Fjells auch Ende Mai Schnee und Eis en Masse vorhanden sind? Und das es da ziemlich kalt ist? Wenn nicht hole ich das nach: Jede Menge Eis und Schnee. Und Kälte. Und Wind. Und vor allem kalter Wind. Ich bin im Reinheimen Nationalpark. Und bald an der Trollstigen. An einem Aussichtspunkt mache ich Pause. Und ich baue einen Troll. Das soll Glück bringen. Mein Troll ist kein großer Troll. Aber es ist mein Troll. Und es ist der einzige Troll hier. An den anderen Parkplätzen standen schon viele davon rum. An diesem Platz ist meiner der einzige.
Dann mache ich die Kamera klar, atme durch und halte auf die Trollstigen zu. Den Touristenquatsch am Trollstigencenter lasse ich aus. Ich fahre direkt drauf los. Und erstmal in die Wolken. Ich befürchte schon,dass ich den ganzen Weg nach unten nur Nebel habe, aber die Angst ist unbegründet: Nach ein paar Metern ist es klar. So ein Mist. Ich glaube der Nebel wäre besser für mein Nervenkostüm gewesen. Dann hätte ich nicht sehen müssen was ich hier tue. Die Trollstigen ist gewaltig. Und gewaltig steil. Meine Höhenangst, im normalen Alltag nicht spürbar, schlägt zu. Ich habe einen Kloß im Hals und sitze total verkrampft auf dem Moped. Ich habe die Troll-Leiter für mich allein. Zum Glück. Ich bemühe mich auf die Straße zu sehen. Der Blick in den Abgrund tut mir nicht wirklich gut. Meine lieber Herr Gesangsverein: Hier geht es echt abwärts. Langsam, unendlich langsam, aber sicher meistere ich Kehre um Kehre. Ich schwöre mir mehrfach, sowas nie nie nie mehr zu machen. Der Wasserfall verpasst mir eine eisige Dusche. Und dann komme ich unten an. Heil. Und irgendwie euphorisch. Ich vergesse meine Schwüre und überlege ernsthaft umzudrehen und nochmal rauf zu fahren. Ich Depp. Zum Glück fällt mir rechtzeitig ein dass ich dann ja auch nochmal runter müsste und ich verwerfe diesen Gedanken sofort. Ich fahre durch ein grünes Tal in wärmenden Sonnenstrahlen auf Andalsnes zu. Und ich finde meine Hütte für heute Nacht.










Werner
Hallo Martin !!
ich war am Wochenende in Bayern, dort habe ich erst von deiner Tour erfahren.
Da hast du dir mal richtig was vorgenommen.
Damit du dich nicht nur von “ Pölser und Hamburger “ ernähren muss,
benutze doch mal die Angel, oder ist sie zuhause geblieben ??
Weiterhin gute Fahrt
wünscht dir Werner .
Petra
Hallo Martin,
es macht richtig Spaß deine Reiseberichte zu lesen! Ich kann mich den anderen nur anschließen. 😉
Freue mich auf weitere Teile deines Blogs.
Um die Kälte beneide ich dich zwar nicht aber um den Ausblick.
Trollstigen werde ich gleich mal googlen – klang ja super. Allerdings weiß ich nicht ob ich es geschafft hätte da runterzukommen.
Weiterhin gute Fahrt und vor allem endlich besseres Wetter.
Gruß
Petra
Lars
Moin Martin,
Ein sehr schöner Blog und sehr kurzweilig zu lesen. Hatte nach deiner Beschreibung richtig Lust nach Trollstigen zu googeln, denn du konntest wohl wenige Fotos davon machen, was ;-). Gute Fahrt und schreib schön viel!
Viele Grüße
Lars
Dieter Brinks
Hallo Martin! Bis jetzt ein toller Blog. Spannend zu lesen und mit schönen Fotos! So wie es sich anhört, hat sich die Reise jetzt schon gelohnt!
…und es wird noch bestimmt noch besser!
Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß und gute Fahrt!
Gruß Dieter